Letzten Samstag hatte ich die Ehre, anderen Highland-Pony-Fans etwas über die Ausbildung junger Ponys zu erzählen. (Duncan hatte hier kurz berichtet).
Ok, ich habe also 1-1,5 Stunden Zeit, da muss ich mich entscheiden! Man kann ja unmöglich alles, was so zu sagen wäre, in einer Stunde sagen. Ich habe also überlegt, was ich wohl zu sagen haben – vor allem, was ICH zu sagen habe, was nicht schon 100 andere in Büchern verzapft haben. Fohlen-ABC, Führübungen, was weiß ich. Dazu gibt es genug Input. Worüber hört man nicht so oft? Was prägt meine Vorstellung vom Zusammensein mit den Ponys? Was ist der Unterschied zwischen dem, was ich mit Duncan gemacht habe und dem, was ich mit Finlay gemacht habe? Auf diesen Fragen habe ich meine Auswahl aufgebaut. Habe entsprechend viel vor allem darüber gesprochen, wie man beobachten kann, was für ein Pony man da eigentlich vor sich hat. Welche Fragen man sich stellen kann: wie werden Dinge erkundet, wie zeigt sich Angespanntheit, was interessiert mein Pony, welches Tauschgeschäft kann ich vielleicht anbieten?
All die alten Bilder und Videos von Duncan zu sehen, hat mir gezeigt, wie viel Zeit vergangen ist. Wir haben jetzt über 4 gemeinsame Jahre hinter uns und schon eine ganze Menge erreicht. Jetzt, wo die Basis stimmt, stellt sich wieder die Frage: was sind eigentlich meine Ausbildungsziele?
Sonntag: Duncan und ich stehen allein im Wald. Arnulf und Diego sind irgendwie woanders abgebogen und wir haben uns missverstanden, so dass Arnulf glaubt, er würde hinter mir her reiten, während ich ganz woanders stehe und auf ihn warte. Duncan wartet artig mit mir, aber Arnulf und Diego tauchen nicht auf. Ich entscheide: wir reiten zurück und versuchen herauszufinden, wo die beiden hingegangen sind. Duncan ist bei mir, er trägt es mit Fassung, dass Diego nicht mehr zu sehen und zu hören ist. Ich bin froh, dass wir so oft das „alleine ausreiten ohne alleine auszureiten“ geübt haben. Ich denke: um zwei Ecken rum, dann sehen wir sie bestimmt. Ein Matschloch vor uns veranlasst Duncan zu der kurzen Frage, ob Tempo die Sache verbessern würde. Vielleicht hat er recht? Aber ich weiß nicht, was nach dem Matschloch kommt und vielleicht ist der Bremsweg dann recht lang, also bitte ich Duncan, es im Schritt zu machen und er kommt dieser Bitte nach. Ich bin wahnsinnig stolz auf mein Pony. Nach der Kurve sehen wir Diego bestimmt schon. Aber das einzige was wir sehen ist das nächste Matschloch und das übernächste. Mein Telefon hat kein Netz. Sind wir hier überhaupt richtig? Kann Duncan im Matsch stecken bleiben? Ich werde nervös. Und zum ersten Mal kann ich spüren, wie meine Nervosität sich überträgt – Duncan wird nervös. Nein, das ist nicht gut! Ich setze mich aufrecht. Ich bin eine erwachsene Frau, erfahrene Reiterin. Duncan kann das. Es ist nur Matsch, kein Moor, er bleibt nicht stecken. Wir kriegen das hin, wir sind schon groß. Ich atme durch, Duncan atmet durch. Mein Telefon klingelt, Arnulf ist dran. Ok, wir müssen ein Stück weiter, dort warten die beiden auf uns. Vor uns liegt eine kleine Brücke, dahinter ein paar Wildhütten aus Blech, die Duncan gruselig findet, aber ich bin wieder voll da und spreche ihm Mut zu.
Vielleicht habe ich an diesem Tag wieder ein bisschen was von dem geschafft, was ich meinem Pony gern beibringen möchte: auch wenn ich selbst nervös bin, ist das keine Katastrophen-Vorhersage. Bleibe bei mir, bewege dich langsam, hör mir gut zu. Wir schaffen das, auch wenn es mal gruselig für uns beide ist. Du kannst mich unterstützen, indem du deine Aufmerksamkeit bei mir hältst. Ich unterstütze dich so gut ich kann und versuche, so wie du, die Ruhe zu bewahren.
Man kann Pferden so viele tolle Sachen beibringen. Aber in meinen Augen werden diese Momente immer die wertvollsten sein. Die Momente, in denen wir zusammenarbeiten, um ein Problem zu lösen. Die Momente, in denen ich als Mensch nicht perfekt sein muss, weil mein Pony meine Schwäche aushält und ein Stück weit ausgleichen kann, bis ich es wieder hinkriege. Und da war ein erster Schritt dazu. Duncan ist noch jung und unerfahren, natürlich kann er nicht alles alleine regeln, während ich panisch auf seinem Rücken hänge. Diego könnte das wahrscheinlich. Aber wenn ich mein Bestes gebe und versuche, meine Angst im Griff zu haben so weit es mir möglich ist, dann tut Duncan das selbe. Und das reicht, der Rest ist Lebenserfahrung, die nicht nur ihm fehlt, sondern auch mir. Unsere Ausritte sind immer gut geplant, auf sehr zivilen Wegen. Ich bin weit entfernt davon, so etwas wie eine englische Fuchsjagd zu reiten (ich sehe gelegentlich Videos davon und staune dann immer, wie wenig ich meinem Pony doch zutraue).
An Tagen wie diesen, wo wir uns durch den Matsch gekämpft haben, wird mir klar, dass ich mehr Herausforderungen suchen will. Je öfter wir solche Dinge meistern, desto sicherer werden wir und wie wir gesehen haben, kann auch die beste Planung Überraschungen nicht immer verhindern.
Früher hatte ich mal ganz andere Ambitionen, aber heute überlasse ich das Streben nach Perfektion den anderen. Lieber möchte ich mein Pony so ausbilden, dass es genau solche Situationen mit mir zusammen durchsteht. Ich möchte mein Pony so ausbilden, dass wir vor dem Matschloch gemeinsam abwägen können, was der beste Weg ist. Noch liegt die Haupt-Verantwortung bei mir, aber je erfahrener Duncan wird, desto mehr Verantwortung soll er auch übernehmen. Er tut das gern, das weiß ich. Und letztlich sind es seine Hufe, die am Boden sind, seine Beine, die er sortieren muss. Er ist der mit dem Allhufantrieb und von Natur aus viel geländegängiger als ich. Er muss nur die Gelegenheiten bekommen sich auszuprobieren und mir scheint, jetzt, mit 5,5 Jahren und einer soliden Basis, wird es Zeit, dass ich ihm diesbezüglich mehr biete, damit er seinen Teil der Aufgabe gut üben kann. Das wird auch mir wieder Mut abverlangen und ich werde mich langsam rantasten müssen, aber je mehr Herausforderungen wir bewältigen, desto sicherer werden wir.
Ich möchte mein Pony so ausbilden, dass er nachher auch dann klar kommt, wenn ich nicht mehr klar komme. Dass er mal die Führung übernehmen kann, wenn es drauf ankommt. Dass er mir sagen kann „atme, ich hab das im Griff“.
Es ist ein schmaler Grat zwischen herausfordern und überfordern, zwischen machen lassen und helfen, zwischen reinquatschen und unterstützen. Wie finde ich die Mitte? Wohl nur indem ich das Pendel nach rechts und links ausschlagen lasse. Wobei ich zugegebenermaßen fast immer auf der Seite bin, auf der ich meinem Pony zu wenig zutraue, zu viel reinquatsche und zu sehr kontrolliere. Ich versuche, mich zu bessern….