Ich war ja bisher nie so der Fan vom Longieren. Meine Ponys haben das immer als sinnbefreit empfunden und ich konnte das gut verstehen. Aber Duncan sieht das anders: er läuft gern an der Longe. Und also machen wir das regelmäßig und haben über die Jahre eine gute Kommunikation entwickelt. Duncan kann schon eine Menge schöner Übergänge (aus dem Halten antraben, aus dem Schritt angaloppieren, aus dem Galopp in den Schritt usw) und er beherrscht im Schritt und im Trab „laaaaaangsam“ und „voran“ als Unterscheidung des Tempos. Handwechsel und Rückwärtsgehen gehören in unser Progarmm, er weiß, wie weit er raus gehen soll und dass er niemals an der Longe ziehen soll. Wir longieren Volten, Geraden, Zirkel verkleinern und vergrößern, um Hütchen, über Stangen usw.
Die anderen Ponys longiere ich nie. Aber jetzt, wo Diego wirklich dringend neue Muskeln braucht und ich da nicht dauernd auch noch draufsitzen will, hat ihn das Longier-Schicksal ereilt. Es ist einfach die beste Art, schnell ein bisschen Grundmuskulatur wieder aufzubauen, finde ich. Nun ist das Problem, dass Diego zwar weiß, wie longieren geht, es aber bei uns – also seit fast 12 Jahren – eigentlich nie gemacht hat. Von einer feinen Kommunikation wie mit Duncan kann daher keine Rede sein. Außerdem ist Diego auf unserem recht kleinen Reitplatz herausgefordert: für ihn, mit seinem hohen Schwerpunkt und seiner Überbeweglichkeit, ist es viel schwieriger, die Kurve korrekt zu kriegen, als für den kleinen, kompakt-kurzen, stabilen Ritter. Zumal ihm ja genau jene Muskulatur gerade fehlt, die er dafür braucht.
Hätte ich alles vorher wissen können. Bzw wissen sollen. Stattdessen habe ich Diego unbedarft an die Longe genommen und gemeint, er könnte das doch jetzt mal machen. Und er müsste das jetzt mal tun, wegen der Muskeln. Und dann war das alles Mist. Und es wurde immer mistiger. Diego zog nach außen, ich war sauer, er war sauer und von schönem Training war keine Rede.
Als ich nachher darüber nachdachte, was da wohl passiert ist, wurde mir klar: meine Ansprüche waren viel zu hoch. Weil Diego immer der Große ist, der alles besser kann als Duncan, habe ich automatisch unbewusst geschlussfolgert, dass er das an der Longe genauso gut kann wie Duncan. Aber woher denn, wenn wir es nie mit ihm geübt haben? Was für eine dumme Annahme. Also fange ich jetzt eben von vorne an. Habe ihm einen Gurt gekauft, nehme ihn an die Doppellonge und erarbeite mir Schritt für Schritt das, was ich mir mit Duncan ja auch Schritt für Schritt erarbeitet habe. Das ist ja gar kein Problem!
Ich nehme das als Warnschuss für mich. Denn bisher war Duncan immer „der Kleine“. Mir war klar, dass er nichts kann, was ich nicht mit ihm geübt habe. Aber bei erwachsenen Pferden gehen wir viel zu oft davon aus, dass sie dieses oder jenes einfach können. Das liegt sicher auch daran, dass ein erfahrenes Pferd mit guter Grundausbildung die meisten Aufgaben auf Anhieb gut lösen kann. Weil Pferde eben einfach schlau sind und oft richtig raten, trotz mangelhafter Übung und schlechter Hilfestellung unsererseits. Aber es ist nicht fair, sie in Situationen zu bringen, in denen sie sich nicht auskennen, und dann raten zu lassen. Und jetzt, wo mein Ritter langsam erwachsen ist, möchte ich das im Kopf behalten. Jede neue Situation ist eine Übungssituation. Ja, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er gute und richtige Entscheidungen trifft. Es ist mein Job, ihm dann rückzumelden, welche Entscheidungen ich toll finde. Und es ist mein Job, ihm zu helfen, wenn er sich nicht auskennt. Es ist mein Job, die Aufgabe möglichst so zu wählen, dass er sie gut bewältigen kann.
Neben Missverständnissen und Unwissenheit kommen oft auch körperliche Schwierigkeiten dazu, die wir Menschen komplett unterschätzen. An der Longe im Kreis laufen, kann doch nicht so schwer sein, oder? Ein Pferd müsste das doch können – um die Kurve laufen. Auf der Koppel schafft er das doch auch! Aber auf der Koppel kann das Pferd alles selbst entscheiden: Geschwindigkeit, Kurvenlage, Stellung/Biegung. Und auch da können wir oft sehen, wie Pferde unelegant irgendwo längs schroten und im Zweifel noch wegrutschen oder in den Zaun knallen. Pferde sind nicht unbedingt für Kurven gebaut. Sobald aber der Mensch ins Spiel kommt, sollen sie lernen, die Kurven vernünftig zu laufen, nämlich so, dass kein Bein übermäßig belastet wird und der Reiter im Schwerpunkt sitzen kann. Und das will nunmal gelernt sein. Und ein Pferd wie Diego, der das mit Reiter durchaus beherrscht, kann dann trotzdem an der Longe recht verloren sein, weil die einrahmenden Hilfen von oben fehlen und stattdessen die Longe am Kopf das Gleichgewicht empfindlich stört.
Und während wir all solche Dinge verlangen, nehmen wir den Pferden gleichzeitig die Möglichkeit, sich selbst gut zu trainieren. Auf unseren stinklangweiligen, meist sehr ebenen Weiden und Paddocks (ganz zu schweigen von Boxen) haben sie keine Möglichkeit, sich mal in Ruhe mit ihrem Körper auseinanderzusetzen. Deswegen hat der Ritter bei mir von Anfang an Wippe, Matratze und Hangtraining kennengelernt. Wieder ist es also mein Job: dafür zu sorgen, dass er sein Gleichgewicht üben kann in möglichst vielen verschiedenen Situationen. Dafür zu sorgen, dass ich ihn möglichst wenig störe in seiner Balance. Dafür zu sorgen, dass ich keine Aufgabe stelle, die er aus körperlichen Gründen gar nicht lösen kann.
Ein Leben lang bleibt das mein Job, egal wie gut mein Pferd geworden ist. Ich bin verantwortlich, denn mein Pferd ist mir ausgeliefert in einer Welt, die seiner Natur nicht entspricht. Wenn ich meinen Job ernst nehme und gut mache, können wir zusammen eine Menge Spaß haben. Wenn ich meinen Job vernachlässigt habe, so wie bei Diego an der Longe, entschuldige ich mich und mache es dann besser. Mein Anspruch an meine Ponys ist wahnsinnig hoch, das weiß ich. Und die Ponys sind mehr als bereit, meine Ansprüche zu erfüllen, wenn ich meinen Teil der Arbeit richtig mache: sie vorbereiten, ausbilden und nichts jemals als gegeben hinnehmen, sondern immer bereit sein, zu helfen oder einen (oder mehrere) Schritt zurückzugehen. Egal, wie alt mein Pony ist.