Das Wunschthema der besten Gewichts-Schätzerin ist dran!
Nachdem ich erst noch dachte, dass es wohl noch dauert, bis ich zu diesem Thema ernsthaft was schreiben kann, ist es ja nun einfach so passiert. Und zwar genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: unspektakulär. Ohne Angst – weder auf meiner, noch auf Duncans Seite. Ohne Stocken, Glotzen, Zucken oder Beschleunigen. Ohne einen einzigen Moment in dem er gefragt hätte ob wir umdrehen und ohne einen Moment in dem ich hätte absteigen wollen.
Wenn ich Dinge tue, die für mich am Limit der Angst liegen, tue ich immer alles, um mich möglichst sicher zu fühlen. Am Anfang steht dabei stets die Akzeptanz des Restrisikos. In meinem Kopf ist es die Angst, dass Duncan sich erschreckt und kopflos losrennt. Dabei könnte er stürzen, auf die Straße in ein Auto rennen oder sich mit dem auf unserer Hausrunde allgegenwärtigen Stacheldraht anlegen. Das Restrisiko bleibt: jedes Pferd kann sich erschrecken (bei Diego bin ich da allerdings nicht ganz sicher… ). Aber einige Jahre Erfahrung mit Duncan haben mir gezeigt, dass er nicht der Losrenn-Typ ist. Zusammenzucken, mal ein Stück laufen, einen Hüpfer zur Seite machen, das hatten wir alles schon. Blindes losrennen hatten wir tatsächlich nur zweimal und das beide Male hier zu hause und in Situationen, die so im Gelände nicht passieren.
Außerdem für mein Sicherheitsgefühl unerlässlich: der Notfallplan. Mein Mann ist im Homeoffice, der kann uns sofort aufsammeln, wenn was sein sollte. Er weiß, welche Wege wir reiten und wie lange das dauert. Sollte ich stürzen und nicht in der Lage sein, ihn anzurufen, wird er das spätestens nach 45min merken. Da mir das zu lang ist, rüste ich jetzt auf und habe einen Sturzsensor für meinen Helm gekauft, den ich demnächst dann mit habe.
Falls mich unterwegs die Angst überrollt, hätte ich gern moralische Unterstützung: reden hilft mir. Es lenkt mich vom Kopfkino ab. Und wie redet man mit jemandem, der weit weg ist? Man telefoniert. Da mein Mann nicht den Nerv hat, sinnlos mit mir zu reden, habe ich mir da jemand anders auserkoren und mit ihr abgesprochen, dass ich sie anrufen darf wenn ich es brauche. Ich brauchte es nicht, aber ich werde mir diese Option sicher noch ein paar mal offen halten. Headset machts möglich, ich könnte zur Not den ganzen Ritt über jemanden im Ohr haben. Dann weiß ich auch: diese Person kann meinen Mann informieren falls die Verbindung abreißt. Apropos Handy: der Akku ist natürlich voll geladen, wenn ich los reite!
Für mich fühlt es sich sicherer an, mit Reitpad (ohne Sattel) loszuziehen. Eine für manche vielleicht etwas merkwürdige Sicherheitsmaßnahme, die ich auch beim Anreiten ergreife. Ich mag am liebsten schnell unten sein, wenn es drauf ankommt. Kein Steigbügel zum verheddern (das kann ja auch mit Sicherheitssteigbügeln passieren), kein Vorder- und Hinterzwiesel zum hängen bleiben. Einfach rutschen lassen, wenn es Not tut.
Meinen Körper schütze ich so gut wie es geht. Ich reite Duncan tatsächlich IMMER mit Handschuhen. Er hat mir diese Kraft gezeigt, die in ihm steckt und ich will zur Not doch wenigstens festhalten können, auch im Sturz noch, wenn es Spitz auf Knopf steht. Auch die Sicherheitsweste ist bei Duncan im Gelände für mich ein Muss. Ich bin älter geworden, so ist das nunmal. Ich weiß nicht, ob ich noch so geschmeidig falle und ich möchte meinen Rücken geschützt wissen. Unser Gelände ist steinig, wir sind viel auf Asphalt, mit dem möchte ich mich nicht anlegen. Helm ist bei mir im Gelände sowieso immer auf, ich hab nur den einen Kopf (er mag nicht viel taugen aber ohne wäre wohl schlimmer).
Anfangs wagen wir uns nur bei passendem Wetter alleine raus: kein Wind, wärmer als die Tage davor, kein Regen. Das können wir alles später üben, wenn wir mehr Routine haben. Für den Fall einer unheimlichen Begegnung (welcher Art auch immer) habe ich genug Kekse in der Tasche. Weiß der Himmel, welcher Herausforderung wir begegnen und Kekse besiegen bekanntlich Monster. Es beruhigt meine Nerven, zu wissen, dass ich zur Not füttern kann bis Hilfe kommt. Auch für mich selbst habe ich einen kleinen Riegel mit, vielleicht hilft essen mir im Notfall auch.
Außerdem wende ich die „vielleicht heute“-Taktik an und dabei wird es noch eine Weile bleiben. „Vielleicht heute“ bedeutet, dass ich mir bei jedem Ausritt die Option offen halte, zu reiten, zu führen oder umzudrehen. Vielleicht reite ich heute. Aber sicher ist das eben nicht. Es ist kein fester Vorsatz, den ich auf Biegen und Brechen umsetze. Es muss sich richtig anfühlen – und zwar KOMPLETT richtig. Ein gewisses Maß an Angst kann schon mitkommen, aber ich muss das Gefühl haben, dass es so wenig ist, dass wir beide – Duncan und ich – gut damit umgehen können. Gegen die Angst hilft (neben dem Headset mit dem ich zur Not eine helfende Stimme im Ohr haben kann) auch die Atmung. Mir hilft „Box-breathing“: Einatmen auf 4, dann 4 anhalten, 4 ausatmen, nochmal 4 anhalten. Das hat den Vorteil, dass man ziemlich beschäftigt ist mit atmen und zählen und es gleichzeitig das Nervensystem runterfährt.
Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, wie viel Angst für mich tolerabel ist und wann es ein echtes Problem ist. Zu viel Angst macht mich fahrig, steckt mein Pony an, beeinträchtigt mein Urteilsvermögen. Ich denke mal, dass jeder sein eigenes Maß an Angst-Toleranz hat, meins ist klein. Unter anderem ein Grund, weshalb ich Ponys reite und keine Spanier, Araber oder Vollblüter. Außerdem funktioniert es bei mir nicht, die Angst zu überwinden und danach zu lernen: ist nicht schlimm. In meinem Kopf bleibt es immer schlimm, wenn ich zu viel Angst hatte. Besser wird es nur, wenn die Angst nachlässt, während ich reite. Ich hatte hier schon einmal ausführlich darüber geschrieben.
Trab! Ich hab die Erfahrung gemacht, dass im Schritt die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass Duncan unter Spannung kommt. Er schaut sich dann etwas zu viel um und hat zu viel Zeit, nachzudenken. Davon abgesehen dauert die Runde im Schritt viel länger, so dass noch viel mehr Zeit ist, sich zu fürchten. Sein langsamer Pony-Trab kommt mir da gerade recht. Das ist eine sehr ruhige Gangart, in der er sich gut entspannt und die ich gut aussitzen kann.
Letztlich läuft es dann alles wieder auf Punkt 1 hinaus. Reiten ist gefährlich, so oder so. Aber Autofahren ist das auch und trotzdem tun wir es dauernd ohne uns Sorgen zu machen. Und ich bin nicht gewillt, mir den Spaß am Ausreiten nehmen zu lassen. Seit ich Duncan habe, träume ich davon, wieder ausreiten gehen zu können. Und gerade im Winter habe ich mich oft geärgert, wenn dann mal gutes Wetter war und ich Zeit hatte, aber niemanden, der hätte mitkommen können. Einmal die Hausrunde reiten zu können ist schon eine große Bereicherung für unser Winter-Repertoire. Davon abgesehen, dass ich viele Dinge üben kann auf so einem allein-Ausritt, weil ich mich nicht dem Tempo von anderen anpassen muss, sondern spontan entscheiden kann. Kurz und gut: ich will allein ausreiten können. Und das Restrisiko ist gering, also Bange machen gilt nicht. Manchmal hilft es mir, dass Finlay in einer eigentlich komplett harmlosen und sicheren Situation verunglückt ist. So habe ich gelernt: jede noch so sicher scheinende Situation kann in die Katastrophe führen. Es macht also keinen Sinn, jedes noch so kleine Risiko meiden zu wollen und dafür den ganzen Spaß zu verpassen. Und Duncan ist genau wie Finlay: aufschieben ist nicht. Gelebt wird jetzt, hier und heute.
Trotzdem gehört zum allein ausreiten natürlich gute Vorbereitung. 11 mal sind wir gestartet. Gefühlt haben wir die ersten 9 male eher Rück- als Fortschritte gemacht. Das auszuhalten ist manchmal schwer, aber ich hatte das sichere Gefühl, dass unser Tag schon kommen wird. Ich hatte auch noch ein paar Pläne in petto. Was letztlich jetzt den Unterschied gemacht hat, weiß ich nicht. Ich glaube, Duncan ist einfach insgesamt in den letzten Wochen nochmal erwachsener geworden. Er wirkt auch im sonstigen Umgang anders, viel gefestigter in sich.
Was uns sicherlich sehr viel geholfen hat war „alleine ausreiten ohne alleine auszureiten“. Bei den letzten Ausritten habe ich dazu jede Möglichkeit genutzt, die sich ergeben hat. Und ich konnte sehen, wie es Duncan von mal zu mal leichter fiel, sich von Diego zu lösen und munter vorweg zu traben. Und auch mein Kopfkino wurde immer weniger. Das schöne an dieser Übung: ich bestimme komplett allein, wann und ob ich sie abbreche. Denn im Zweifel kann ich anhalten, absteigen und Duncan grasen lassen, bis Diego uns eingeholt hat. Dieser beruhigende Gedanke hat mich mutig gemacht.
Nun bleibt mir zu hoffen, dass wir unseren Erfolg wiederholen können. Jedenfalls weiß ich jetzt, wie Duncan sich anfühlen soll, wenn wir losreiten. Er sagt mir schon, ob er das schafft. Sollte er sich nicht so anfühlen, kann ich ja umschwenken auf Plan B. Der erste Schritt ist geschafft, wir haben ein wunderbar positives Erlebnis abgespeichert und sind jetzt erstmal stolz auf uns.