So viele Reitweisen. So viele Erklärungsmodelle. Man möchte meinen, das eröffnet eine Welt voller Möglichkeiten, aber ich beobachte das Gegenteil.
Viele Reit- und Ausbildungsweisen kommen mit Systemen daher, die auf Einschränkung basieren. Bevor dein Pferd das und das im Schritt nicht kann, darfst du nicht traben. Bevor du nicht perfekt sitzt, darfst du nicht reiten. Je nach Reitweise darfst du nicht mit Gebiss reiten – oder nicht ohne. Du darfst dein Pferd nicht longieren oder longieren ist das beste Training überhaupt. Und wenn longieren, dann darf das Pferd auf keinen Fall nach außen schauen. Oder doch, weil das die natürliche Balance ist und man sich da nicht einmischen darf. Ach und der Sattel muss natürlich einen Baum haben, sonst ist alles Mist. Aber ein Sattel mit Baum könnte auch schon fast Tierquälerei sein. Jetzt ist also irgendwie alles verboten, falsch und beinahe tödlich und es bleibt nichts übrig, was man mit dem Pferd gefahrlos machen kann, ohne dass es kaputt geht.
Ich selbst beobachte mich dabei, wie ich viel zu oft denke “es ist bestimmt nicht gut, dass ich das mache“. Häufig denke ich das dann, wenn ich auf dem Weg, den ich mal eingeschlagen hatte, nicht weiter komme. Dann wähle ich einen anderen Weg, aber immer mit latent schlechtem Gewissen, es passt ja nicht zum vorherigen Weg und ist bestimmt falsch.
Ganz ehrlich: das geht mir auf die Nerven. Und ich glaube, es beschert uns große Probleme. Unter dem Hashtag #niewiederhufrehe geht es gerade öfter mal um zu dicke Pferde. Und warum sind so viele Pferde zu dick? Weil sich so viele Pferde viel zu wenig bewegen. Klar kann man auch am Futter herumknappsen, ich tu das auch. Aber so sehr man auch noch den letzten Heuhalm spart und damit Gefahr läuft, das Ponys zu frustrieren und die Magengesundheit zu ruinieren – ein wirklich leichtfuttriges Pony wird auch dann noch zu dick. Das ist nunmal so und da hilft einfach nur zusätzliche Bewegung. Und diese zusätzliche Bewegung muss nicht perfekt sein, die muss vor allem mal stattfinden.
Als Jugendliche war ich immer im Malkurs. Einmal die Woche haben wir gezeichnet, gemalt, getöpfert oder mit Speckstein gearbeitet. Mein Talent ging gegen Null. Das, was ich da zu Papier brachte, sah nie so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Lehrerin sagte mal zu mir „du radierst ja schon, bevor du was gezeichnet hast“. Und das denke ich heute bei vielen Reiterinnen. Die fangen gar nicht erst an, weil das, was dabei raus kommt, nicht so aussehen wird, wie sie es gern hätten.
Im Freedom Based Training mit Elsa habe ich die Erfahrung gemacht, wie viel man falsch machen kann, während man 4 Meter entfernt vom Pferd herumsteht und nichts in der Hand hat – kein Futter, kein Equipment. Selbst das kann man dermaßen falsch machen, dass das Pony wütend wird, habe ich selbst mehrfach erlebt. Also: es scheint keine Aufgabe zu geben, die so leicht ist, dass man nichts falsch machen kann. Es wäre also besser, wenn wir uns damit abfinden, dass wir sehr viel falsch machen werden. Und unserem Pferd wird zusätzliche Bewegung trotzdem immer noch besser tun als wenn wir nichts machen, aus lauter Angst vor den unvermeidlichen Fehlern. Nichts tun ist der größte Fehler! Denn Nichtstun macht die Pferde am schnellsten und sichersten kaputt.
Neulich wurde von Kernkompetenz Pferd auf Facebook die Frage aufgeworfen: Wann ist mein Training erfolgreich? Nach ein bisschen überlegen habe ich meine Antwort darauf gefunden: Mein Training ist erfolgreich, wenn die Dinge leichter werden. Leichter, nicht einfacher! Denn je mehr man lernt, desto komplizierter wird das Ganze. Immer mehr Details, auf die man noch achten kann. Aber leichter wird es doch. Leichter, weil man z.B. besser im Gleichgewicht sitzt und nicht mehr so oft in „Wohnungsnot“ kommt. Leichter, weil das Pferd schön gleichmäßig durchtrabt, ohne ständig das Tempo zu verändern. Leichter, weil man das Schulterherein jetzt so gut drauf hat, dass man nicht mehr die Hälfte der langen Seite braucht, um überhaupt reinzukommen. Leichter, weil der Galopp, der einem mal Angst gemacht hat, jetzt eine Selbstverständlichkeit ist. Leichter, weil das Pferd, das nach einer Runde Galopp schon nicht mehr konnte, jetzt ein paar Runden durchgaloppieren kann ohne sich dabei groß anstrengen zu müssen.
Damit etwas leichter werden kann, muss man es üben, das gilt für Mensch und Pferd. Und trainieren. Das ist ein Unterschied, der oft in der Pferdewelt zu kurz kommt: Üben heißt, einen Bewegungsablauf so oft wiederholen, bis man ihn gezielt zuverlässig abrufen kann. Erst wenn das klappt, kommt das trainieren: wiederholen, wiederholen, wiederholen bis die Muskeln dazu wachsen. Viele von uns üben immer nur und trainieren nie wirklich. Wer das Aussitzen im Trab übt, wird wohl wissen was ich meine: irgendwann kann man es. Aber trotzdem gibt es ein Zeitlimit, bis die eigene Muskulatur so ermüdet, dass es wieder nicht mehr geht. Nur über Steigerung der Zeit kann man das ändern, so simpel ist das. Wer immer nur zwei Zirkelrunden im Aussitzen trabt und den Rest der Zeit entweder leichttrabt oder Schritt reitet, wird nicht weiter kommen, egal wie schön er die zwei Runden sitzt.
Zurück zum Thema: wer das Aussitzen erlernen möchte, muss damit anfangen. Ja, es gibt Tricks und Kniffe dazu. Aber anfangen muss man trotzdem. Und es dann nochmal machen und nochmal. Und ja, das Pferd wird es dabei nicht so leicht haben, die Reiterin zu tragen. Das behalten wir im Blick. Aber sich einreden zu lassen, dass man das nicht üben darf, bringt gar nichts.
#niewiederhufrehe heißt für mich, sich zu trauen und loszulegen. Die Handbremse im Kopf zu lösen, damit unsere Pferde wieder mehr in Bewegung kommen. Bewegung ist durch nichts zu ersetzen und wir als Menschen sind dafür verantwortlich. Wir müssen dafür nicht perfekt sein, wir müssen es nur machen. Und wenn wir dann erstmal dabei sind, werden wir auch besser werden. Dann können wir neue, fortgeschrittenere Fehler machen……
Liebe Lioba, was Du beschreibst geht mir auch ständig durch den Kopf. Durch die Wechseljahre/das Alter/gutes Essen habe ich in den letzten Jahren einige Kilo zugenommen. Dadurch zerbreche ich mir den Kopf, ob ich Amadeus noch reiten kann/darf.
Die meisten Menschen mit denen ich spreche sagen jedesmal, dass es kein Problem ist und er mich gut tragen kann, weil er gut bemuskelt ist und auch gut ausbalanciert ist.
Mittlerweile reite ich ihn auch sehr gerne und es scheint ihm auch gut zu gefallen, denn er bemüht sich immer sehr, alles richtig zu machen (ich natürlich auch). Sogar meine Angstdisziplin Galopp haben wir jetzt in Angriff genommen. Momentan galoppieren wir zwar nur einen Zirkel (oder sogar weniger …), aber es klappt dafür auch ganz gut. Darauf kann man aufbauen.
Deshalb ist jetzt mein Motto: Wenn Amadeus fit ist und auch Lust hat, dann reiten wir, denn reiten lernt man bekanntlich nur durch reiten! Liebe Grüße Angelika
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