Fehler

Immer wenn ich mich bei der Arbeit mit Duncan filme, gucke ich nachher „Fehler“. Ui, der läuft ja noch ganz schön auf der Vorhand rum. Und was zum Henker mache ich da bloß ständig mit meinen Händen? Und warum stehen meine Ellenbogen schon wieder ab? Abgesehen davon dass die Ästhetik zu kurz kommt mit der abgeranzten, unpassenden Satteldecke unterm Reitpad. So wird das nix mit der Instagram-Tauglichkeit! Kein Glitzer, kein Glamour und noch nicht mal richtig gutes Reiten.

Trotzdem bin ich jedesmal stolz. Das, was ich da sehe, ist unser gemeinsames Werk. Duncan und ich haben das geschafft und erschaffen! Und das finde ich toll. Ich sehe, wie sehr Duncan sich konzentriert und bemüht und dabei seinen Spaß hat. Ich sehe, dass er sich gerne anstrengt und mitmacht. Das weiß ich ja auch, weil er immer gleich angelaufen kommt, wenn ich so aussehe, als würde es jetzt Programm geben. Er ist für sein Alter und seinen Ausbildungsstand gut bemuskelt und er bewegt sich frei – inzwischen in allen drei Gangarten.

Etwas gleichzeitig gut und verbesserungswürdig zu finden ist etwas, was uns Menschen schwer zu fallen scheint. Da gibt es die, die immer schon zufrieden sind, wenn es halbwegs klappt und die, die nie zufrieden sind. Die, die früh zufrieden sind, sind vielleicht entspannter, aber ich glaube, dass ihre Pferde sich schnell langweilen. Denn so halbwegs hinkriegen ist kein Problem und wenn man dann nicht gesagt bekommt, wo die Steigerung ist, ist es nur noch stumpfes Wiederholen einer Aufgabe – wie öde. Die, die nie zufrieden sind, haben oft eher etwas gestresste Pferde, die hektisch werden oder auch stumpf, weil sie es ja eh nie richtig machen können. Das Mittelmaß zu finden – die Freude über das was halbwegs gelingt mit dem Ansporn zu kombinieren, noch besser zu werden – das ist die Kunst. Dazu braucht man eine klare Vorstellung davon, wie die Übung am Ende mal aussehen soll, aber auch eine genauso klare Vorstellung, wie gut sie jetzt im Moment gelingen könnte.

Jetzt gerade machen Duncan und ich gefühlt ein paar Rückschritte beim Reiten auf dem Platz. Er fällt mir wieder sehr von einer Schulter auf die andere und kämpft mit seiner Balance. Es gibt mehrere Gründe, warum das so sein kann: vielleicht wächst er schon wieder. Ich sehe ihn verdächtig oft ein Hinterbein entlasten, meistens ist das wachstumsbedingt ein paar Wochen so und vergeht dann wieder. Außerdem hat er die größten Wachstumsschübe irgendwie immer im Winter gehabt, es würde also passen. Gleichzeitig ist er ziemlich aus dem Training was reiten angeht, da wir seit Herbst keine größeren Ausritte machen konnten und in den letzten Wochen auch so gut wie nie auf dem Platz geritten sind. Unter dem Winterpelz ist es nicht gut zu sehen, aber auch er hat Muskulatur verloren, was ja auch normal ist unter unseren Bedingungen. Wenn ich jetzt auf dem Platz reite, muss ich also meine Ansprüche runter schrauben, gleichzeitig abschätzen, was er HEUTE schaffen kann und im Blick behalten wie es mal werden soll (damit ich weiß, ob die Richtung stimmt). Ich muss entscheiden, an welche Übungen wir uns jetzt heranwagen und welche wir lieber gar nicht erst versuchen. Ich trage die Verantwortung dafür, ihn zu fordern, ohne ihn zu überfordern. Wenn ich Duncan nicht fordere, wird er gelangweilt sein – er möchte immer eine Aufgabe haben und ist unzufrieden, nur irgendwas zu tun ohne knobeln und Anstrengung. Und er soll ja seine Muskeln jetzt auch wieder aufbauen. Wenn ich aber verlange, dass er es so können soll wie vor ein paar Wochen, wird er keine Chance haben, es richtig zu machen, dann frustriere ich ihn. Ein schmaler Grat und ich verstehe mehr und mehr, dass es oft dieser schmale Grat ist, an dem Reiterinnen scheitern. Denn den zu kennen, erfordert Übung. Die gute Nachricht ist: wenn ich eine gute Beziehung zu meinem Pferd haben, ist das eigentlich kein Problem. Wir können uns „anschleichen“, den Anspruch langsam steigern und dann den Punkt finden, wo es schwierig wird. Wenn mein Pferd weiß, dass ich ihm nichts böses will und wenn ich weiß, dass mein Pferd sein Bestes gibt, ist das Problem auch schon gelöst. Ich finde im Laufe der Zeit heraus, wie viel Herausforderung mein Pferd mag – ist es ein eher unsicherer Kandidat, wird es viel Bestätigung brauchen und lieber einfachere Aufgaben zuverlässig lösen können. 9 mal schaffen auf eine Herausforderung oder vielleicht sogar 99 mal schaffen auf eine Herausforderung. Einem selbstbewussten Pony wie Duncan wäre das zu langweilig. Der möchte eher jede zweite Runde eine Herausforderung meistern. Er weiß aber auch, wie er mir signalisieren kann, dass er jetzt müde ist und dass wir dann aufhören. So ist er auf der sicheren Seite und kann sich kopfüber ins Abenteuer stürzen.

Ich muss als Mensch also nicht genau wissen, was mein Pferd heute schaffen kann. Ich kann mich dem nähern, vorsichtig ausprobieren und dann ausloten, wo heute die Grenze zur Herausforderung liegt. Und dann – je nach Pferd – um diese Grenze herum trainieren. Dabei dürfen wir beide beliebig viele Fehler machen und verbessern uns dadurch Stück für Stück. So lange die Beziehung stimmt und die Kommunikation nicht abreißt, ist das ein gemeinsames Wachsen und Üben und das ist doch toll. Denn bei allem möchte ich nie vergessen: ich habe mein Pony nicht um ein Ziel zu erreichen, sondern um mit ihm zusammen zu sein und Spaß zu haben. Das Ziel ist nur dazu da, unserem gemeinsamen Tun eine Richtung zu geben, es ist kein Selbstzweck, sondern ein Spiel. (Spielen dient in der Natur der Entwicklung von körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Also alle, die jetzt einen Widerspruch zwischen Spiel und Training sehen – da ist in meinen Augen keiner.)

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