Erwartungen

Und schon ist Weihnachten wieder vorbei. Dieses Jahr ist mir extrem aufgefallen, wie sehr Weihnachten mit Erwartungen verbunden ist und wie – obwohl Arnulf und ich uns weitgehend von all dem fernhalten – sogar in mir dieser Erwartungsdruck entsteht. Selbst fernab vom irrsinnigen Konsum sind Erwartungen. Schön soll es doch sein, besinnlich, festlich, besonders. Eine Bekannte beklagte sich bei mir, dass alle ihr eine „besinnliche Zeit“ wünschen, während auf der Arbeit die Hölle los ist (Jahresabschluss) und sie daneben noch die Weihnachtsfeierlichkeiten mit der Familie inklusive dementer Mutter organisieren muss. Besinnlich ist da nix dran. Zur Ruhe kommen, mal in sich gehen, das Jahr ausklingen lassen – Fehlanzeige.

Ich glaube, viele Erwartungen sind uns gar nicht bewusst. Sie kommen heutzutage wohl vor allem durch die Medien zu uns, teils bewusst gestreut durch Werbung, teils unabsichtlich dadurch, dass die meisten Menschen fast nur das teilen, was gut läuft. Gerade in der Pferdewelt sieht man jeden Tag Postings von Trainern, die beschreiben, wie einfach alles ist, wie toll ihre Pferde laufen, wie gut alle trainiert sind, wie gesund und fit und überhaupt. Abgesehen davon, dass man unterschätzt, wie versiert so eine Reiterin ist, unterschätzt Otto-Normal-Pony-im-Offenstall-Besitzerin auch die Umgebung. Viele meiner Schülerinnen haben eben keinen guten Reitplatz und schon gar keine Halle. Sie haben keine 10 Sättel da hängen von denen einer dann schon so weit passt dass man einfach mal loslegen kann, und schon gar nicht haben sie 20 Jahre Erfahrung in der Pferdeausbildung. Und so muss ich doch lachen, wenn mir jemand sagt, sie hätte auf „romantische Spaziergänge“ mit ihrem Zweijährigen gehofft. Nichts ist romantisch an einem Spaziergang mit einem Zweijährigen. Wenn es denn so ist, dass man gefahrlos spazieren gehen kann, erfordert ein Pferd – noch dazu ein junges – unsere volle Aufmerksamkeit, wir müssen die Umgebung mit ihm Blick und unseren eigenen Körper im Griff haben und bei einem Pferd in der Pubertät können wir uns keineswegs sicher sein, dass das, was heute so wunderbar klappt, auch nächste Woche noch funktioniert.

Es ist wie die Schönheitsideale, die durch Instagramm und Co entstehen, weil die Damen und Herren dort nur Fotos posten, auf denen sie top gestylt sind und womöglich noch ein Filter zum Einsatz kam. Und so sehen wir auch in der Pferdewelt nur die schönen Seiten oder die bereits gelösten Probleme. Kein Wunder, denn wenn man über seine Probleme berichtet, kann man sich sicher sein, dass man ungefragte Tipps bekommt (ist mir sogar mit meinem Blog schon passiert) und/oder als unfähig betitelt wird. Und darauf hat verständlicherweise niemand Lust. Daher denke ich auch, der Ruf nach „mehr Realität“ wird verhallen, weil mehr Realität nicht zu besserer Stimmung führt. Wenn jemand seine Wahrheit zeigt, müssten die anderen eben auch damit gut umgehen und das wird – außer in kleinen Gruppen – sicherlich Wunschtraum bleiben, denn Besserwisser gibt es überall. Um ein realistisches Bild zu bekommen, müssen wir also in die echte Welt. Und hier die Augen aufmachen: wie hoch ist denn so der reiterliche Standard um mich herum. Hier, an meinem Stall oder am Nachbarstall. Welche Probleme haben die Menschen dort mit ihren Pferden. Und vielleicht nicht selbst gleich denken „das würde ich alles anders machen und dann würde das auch gehen“, sondern mal bescheiden bleiben und feststellen: es gibt diese Probleme. Es gibt Pferde, die nicht so einfach sind. Es gibt Pferde mit gesundheitlichen Problemen die vielleicht angeboren sind und nicht mal eben so geheilt werden können. Und es gibt einen Haufen Reiterinnen, die über ein einigermaßen geregeltes „Schritt, Trab, Galopp und Sonntags ein kleiner Ausritt“ – Pensum gar nicht hinaus kommen.

Das ist doch auch gar nicht schlimm! Gibt nur niemand gerne zu, denn Erwartungen werden auch geweckt durch Reitlehrer und Reitweisen. Leute, die versprechen, dass jedes Pferd das Piaffieren lernen kann (aber dabei unterschlagen, dass der Mensch davor so viel zu lernen hat, dass die Zeit einfach gar nicht reicht). Leute, die versprechen, dass ein Pferd ratzfatz fit und toll bemuskelt ist, wenn man nur diesen einen Online-Kurs besucht (und dabei verschweigen, dass der Mensch ohne 1zu1 Anleitung Schwierigkeiten bei der Umsetzung kriegen wird und das alles nicht hilft wenn der Reitplatz im Winter wochenlang unter Wasser steht). Und natürlich all die „Wendys“ die einfach nur romantische Postings von der tiefen Verbundenheit zu ihrem Pferd zeigen – kann sein, dass es stimmt (Spoiler: meistens nur wenn man nicht allzu genau hinschaut), aber auch bei denen ist nicht jeden Tag eitel Sonnenschein.

Kurz und gut: vor Erwartungen können wir uns nicht schützen. Aber sie als Erwartungen identifizieren und zu sehen, ob das überhaupt realistisch ist, was wir uns da ausmalen, kann uns helfen, besser damit umzugehen. Und wenn wir dann einen Gang zurückgeschaltet haben, sind wir frei genug im Umgang mit unserem Pferd, so dass es uns jenseits unserer Erwartungen zeigen kann, was es im Angebot hat.

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  1. Avatar von Stella, oh, Stella
  2. Avatar von zuselfee
  3. Avatar von Unbekannt

4 Comments

  1. Es will doch nicht jeder unbedingt Turniere reiten oder Dressur vorzeigen. Manche wollen doch sicherlich nur Spass und Freude und ein bisschen Training zusammen mit ihrem Pferd haben; was sollte daran verkehrt sein? Die Frage ist, wie viel Spass ein Pferd am Piaffieren hat.

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    1. Ist nix verkehrt dran, im Gegenteil! Es geht nur mir darum dass selbst bei Freizeitreitern oft viele Erwartungen im Hintergrund stehen, wie harmonisch und leicht und toll das alles bitte sein soll. Ist es halt auch nicht immer.

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      1. Jedes Tier hat eben auch eine Persönlichkeit, ob nun Pferd, Hund oder Katze etc. das erfordert Geduld, Kennenlernen und viel Liebe. Harmonie kommt nicht durch ein Fingerschnippsen. Ich finde es auch ziemlich blauäugig wenn Leute meinen, sie schaffen sich ein Tier an und von Tag 1 ist alles eitel Sonnenschein ohne jeglichen Einsatz.

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  2. Liebe Lioba, in deinem Text steckt die reale Wahrheit! An mir selbst kann ich immer wieder erkennen, wo meine/unsere Grenzen liegen. Deshalb bin ich nicht unzufrieden oder enttäuscht. Im Gegenteil, gerade an den Dingen, die wir uns erarbeitet haben und noch weiter entwickeln wollen, haben wir Freude und genießen die gemeinsame Zeit! Wenn andere mehr können, dann freue ich mich mit ihnen, deswegen bleibe ich trotzdem bei dem, was Amadeus und ich können und mögen! Liebe Grüße Angelika

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