Verfressen

Eine Winter-Szene letzte Woche: Mittlerweile liegen wohl knapp 10 cm Schnee auf unserer Weide. Die Ponys haben unterschiedliche Taktiken, um trotzdem an das Gras darunter zu kommen. Duncan schiebt einzelne Bereiche mit der Nase frei, Gatsby scharrt den Schnee mit den Hufen weg.

Nach dem Reinholen gibt es von mir immer hingeworfene Leckerlies, damit die Ponys das leckere Grün gerne verlassen. Natürlich versuche ich, die Leckerlies auf festen Schnee zu werfen, aber ein paar verschwinden doch im losen Weiß. Ein Pony hat das verstanden: Caruso wühlt noch lange mit den Hufen nach dem allerletzten Keks im Schnee, während die anderen Ponys längst ihrer Wege gegangen sind.

Ponys sind verfressen, das würde wohl fast jeder Ponybesitzer so unterschreiben. Und Verfressenheit wird eher als negative Eigenschaft wahrgenommen.

Dabei vergessen wir, dass unsere Ponys tausende von Jahren überhaupt nur überleben konnte, weil sie verfressen sind. Der Bauer, der noch vor 200 Jahren mit seinem Pony das Feld bestellt hat, war sicher froh, wenn das liebe Tierchen mit gutem Hunger alles verspeiste, was man ihm so anbot, denn der wird auch nicht immer das 1a Heu gehabt haben. Das eine oder andere Pony wird auch mal mehr von altem, wenig schönem Zeug gelebt haben. Und wenn die Ponys im Herbst schön fett waren, waren sie leichter über den Winter zu kriegen. In der Wildnis waren Ponys, die sich keine Reserve angelegt hatten, eben im Frühjahr nicht mehr da, um sich weiter zu vermehren. Gerade in den Breitengraden, wo es im Winter kalt, feucht und windig ist, wo die Ponys viele Kalorien verbrauchen nur um ihre Körpertemperatur zu halten, ist es lebenswichtig, verfressen zu sein.

Und auch in uns stecken ähnliche Gene. Wer von uns ist denn nicht verfressen? Deutschland wird doch auch immer dicker. Ich habe mal den schönen Spruch gehört „alles, was lebt, ist faul“ und ich möchte dazufügen, „und verfressen“. Das ist eine Überlebensstrategie die sich für alle Lebewesen über viele, viele Generationen bewährt hat und Ponys stehen da ganz oben auf der Liste.

Meine Schwester, eine äußerst disziplinierte und hochintelligente Frau, hat sich einmal bei mir bitter beklagt, dass sie sich nicht gut auf das Gespräch mit meinen Eltern konzentrieren kann, wenn da ein Plätzchenteller auf dem Tisch steht. „Ich bin dann so damit beschäftigt, NICHTS von diesem Teller zu essen, dass ich kaum an etwas anderes denken kann!“ sagte sie zu mir. Und an diesen Satz denke ich, wenn auch mein kleiner Ritter oft an nichts anderes denken kann, als ans Futter. So funktioniert unser Gehirn nun mal! Das Grün am Wegesrand ist dann einfach wichtiger als alles andere.

Zum Glück ist das Gehirn eine formbare Masse und kann lernen. Und es kann auch lernen, den Fokus immer wieder weg zu nehmen vom Essen. Trotzdem: die Chipstüte im Schrank ist leicher zu ignorieren als die auf dem Tisch vor einem. Das wissen wir wohl alle! (Verdammt, jetzt kriege ich Hunger, es darf nicht wahr sein…. )

Seit mir klar geworden ist, wie schwer es ist, etwas leckeres, essbares zu ignorieren und sich auf etwas anderes zu konzentrieren, versuche ich immer, das bewusst zu üben mit meinen Ponys. Und gleichzeitig komme ich ihnen entgegen: nach einer konzentrierten, guten Übung oder der Erklimmung eines steilen Berges gibt es Futter als Belohung. So kann ich den Urinstinkt „Verfressenheit“ beruhigen und trotzdem das bekommen, was ich möchte. Nach und nach kann ich dann die Zeiten ausweiten, in denen wir etwas anderes tun als zu fressen.

Grundsätzlich bekommt mein Pony nur dann Futter oder darf nur dann grasen, wenn es sich vorher auf eine Art und Weise verhalten hat, die für mich angenehm ist. Also wenn es mir Aufmerksamkeit gegeben hat, ohne mich zu bedrängen. Hier liegt die Krux, aber das ist einen ganz eigenen Artikel wert.

Jetzt geh ich erst mal was essen.

Hinterlasse einen Kommentar