Neulich habe ich einen Podcast gehört „Hotel Matze“ im Interview mit dem Regisseur Wim Wenders. Am Anfang war mir das zu „künstlerisch“. Ich bin kein Mensch der Arthouse-Filme sieht und Picasso-Bilder anschaut. Die meiste Kunst erschließt sich mir nicht. Die meisten Filme die ich schaue sind Kinderfilme oder Krimiserien. Und alles was Wim Wenders am Anfang sagte, war für mich befremdlich im Sinne von „zu künstlerisch“. Aber im Auto ist es so umständlich, dann was neues einzuschalten, also habe ich weiter gehört. Und nach und nach entfaltete sich die Faszination für das, was Wim Wenders zu sagen hatte.
Am Ende wurde ich plötzlich ganz gepackt von dieser Geschichte, denn auf einmal schien Wim Wenders über Reitunterricht zu sprechen, wie ich ihn gern gebe (zumindest geben möchte! Hoffentlich gelingt es mir).
Er erzählt, wie er „Der Himmel über Berlin“ gedreht hat. (Zitate habe ich kursiv geschrieben, sonst fliegen hier so viele Anführungszeichen herum). Wim Wenders dreht am liebsten ohne fertiges Drehbuch, er fängt einfach an, den Film zu drehen und vertraut darauf, dass es sich entwickeln wird. Schon hier konnte ich Parallelen zu meiner Arbeit mit Pferden und Menschen entdecken, denn ich habe selten einen festen Plan für eine Einheit.
Sie haben beide was gespielt wo sie beide nicht wussten „was ist denn das, wie spielt man das“. Meistens ist das genau die Situation in meinem Unterricht: weder Reiter noch Pferd wissen, wohin es mit dieser neuen Übung geht. Die meisten Reiterinnen, die ich unterrichte, sind noch nicht so erfahren, dass sie jetzt dem 3. Pferd etwas beibringen, sondern sie lernen gemeinsam mit ihrem Pferd, keiner von beiden ist viel weiter ausgebildet als der andere.
Die beiden Schauspieler waren Mitautoren der Geschichte. Letzten Endes habe ich es nur zusammenhalten müssen. Auch dieses Gefühl kommt mir sehr bekannt vor. Wenn ich es schaffe, dass Pferd und Reiterin verbunden sind im Hier und Jetzt, dann passiert der Rest von allein. Wohlwollen und eine gute Stimmung sind viel wichtiger als technische Anweisungen und häufig sind meine Schülerinnen nach genau den Reitstunden ganz beseelt, in denen ich nicht das Gefühl hatte, sie etwas gelehrt zu haben. .
Dann ist einem klar dass man ganz viel geschenkt bekommt, wenn man so einen offenen Raum möglich macht, in dem viele andere ihr Bestes tun können. Und das ist für mich das schönste am Filme machen, dass andere ihr Bestes tun können und dass ich es möglich machen kann und muss , dass die anderen alle das Beste tun. Und nicht dass ich ihnen sage was ihr Bestes ist, sondern dass ich geschehen lasse. (…) ich gebe auch nur sehr spärliche Anweisungen. Aber manchmal machen die Schauspieler bei mir was, was sie sich sonst nie trauen würden, wenn sie Anweisung bekommen würden . Diesen Freiraum zu schaffen ist das was ich machen möchte, dass andere Leute und ich einen ganz großen Spiel-Raum haben.
Spiel-Raum so wie Wim Wenders es ausgesprochen und betont hat, spätestens da hatte er mich gepackt. Spielen ist mein Lebenselixier. Nicht immer sieht das, was ich mache, von außen gesehen nach spielen aus, aber immer fühlt es sich so an. Und jede Schülerin, die nicht weiß, was sie auf dem Reitplatz machen und üben soll, hat noch nicht ihren Weg gefunden, zu spielen. Zu experimentieren und geschehen zu lassen. Ja, das was ich mache sieht äußerlich nach Lektionen und Hufschlagfiguren aus, aber mein Pony und ich, wir spielen. Und im Unterricht spiele ich genauso, ich probiere aus und versuche eben immer jenen Spiel-Raum zu erschaffen, der für DIESE Reiterin und DIESES Pferd gerade passend ist.
Man kommt nicht immer dahin, dass man so einen Freiraum hat, manchmal hat man ihn selbst in der Birne nicht. Auch ein Regisseur wie Wim Wenders schafft das nicht immer, das finde ich beruhigend. Manchmal starren wir zu sehr auf ein Problem oder ein Ziel und kommen nicht in den Spiel-Modus. Manchmal liegt das an mir, machmal an meiner Reitschülerin, selten (aber nicht nie!) am Pferd. Auch manche Pferde können nicht gut mit Spiel-Raum umgehen, weil sie es nicht gelernt haben. Duncan musste erst ein bisschen erwachsener werden, heute kommt er mit Spiel-Raum besser zurecht als vor 3 Jahren.
Und in diesem Spiel-Raum, da entsteht für mich das, was ich als „Reitkunst“ bezeichnen möchte. Kunst soll doch wohl kreativ sein und etwas ausdrücken. Kunst ist doch nichts starres, was man nachahmt, weil jemand es vormacht. Das ist doch eher Kunstfälschung, wenn ich versuche, etwas genau so zu machen, wie jemand anders.
Und so habe ich, dank eines Podcasts den ich eigentlich schon ausschalten wollte, von einem Regisseur, dessen Filme ich nicht kenne („Der Himmel über Berlin“ habe ich vor 20 Jahren mal gesehen aber nicht geliebt) meine Definition von Reitkunst erfahren und verstanden
Mein Anspruch an mich und das, was ich da tue, ist somit mal wieder gestiegen und das ist gut so.