Duncan zeigt seine Unsicherheit auf interessante Art und Weise. Vielleicht ist es unter anderem das, was Highlandpony-Besitzer über ihre Ponys lernen und weswegen viele sagen, dass man Highlandponys kennen muss um mit ihnen umgehen zu können. Duncan zeigt nicht nur den typischen „Plant“ also das Wurzeln schlagen, wenn er sich nicht weiter traut. Er hat auch immer wieder diese Idee, wir müssten unbedingt abbiegen. Wenn er verunsichert ist, sucht er sein Heil in dieser sehr speziellen Art von Flucht und möchte dann auf einen Hof, in einen Weg, auf eine Wiese oder auch mal mitten in ein Dornengebüsch abbiegen. Hauptsache weg! Das passiert im ruhigen Schritt und hat mich daher etwas verwirrt, bis das mehrfache Auftreten dieses Verhaltens in bestimmten Situationen mir klar gemacht hat, dass es sich (wahrscheinlich meistens) um Unsicherheit handelt.
Auch ein weiteres Verhalten kann ich beobachten. Es ist völlig normal, dass ich Duncan irgendwo „parke“, dann sage ich „waaaaarte“ und er wartet mehr oder weniger geduldig, dass ich wieder komme und den Keks serviere. Ich gehe nur sehr selten außerhalb seiner Sichtweite aber auch das funktioniert in aller Regel einwandfrei. Nur nicht, wenn er verwirrt ist. Dann läuft er mir hinterher. Nicht sofort, er wartet erst einen Moment und läuft dann in Ruhe im Schritt in meine Richtung. Wenn ich ihm dann sage, dass das nicht gewollt ist, schaut er mich an, als hätten wir „warte“ noch nie geübt. (Dabei machen wir das seit ungefähr 4 Jahren und zwar bei jeder einzelnen gemeinsamen Unternehmung). Es wirkt, als sei die Bedeutung von „warte“ aus seinem Kopf gestrichen – er möchte dann vielleicht einfach nicht alleine da stehen, weil er sich nicht sicher fühlt. Alles nur Arbeitshypothesen aber mir scheint, sie bestätigen sich.
Andere Unsicherheitszeichen sind weniger ungewöhnlich. Z.B. wie sein Körper sich versteift, wenn er nicht sicher ist. Reiter, die solche Pferde haben, wissen vielleicht, wie unangenehm sich das unfühlt. Man kann fühlen, dass die nächste Reaktion ALLES sein kann von ausatmen und beruhigen bis kopflos losrennen, buckeln oder zur Seite springen. Und man fühlt, dass eine Einwirkung auf das Pferd in diesem Moment nicht möglich ist. Da Duncan ein sehr starkes Pony ist (was in allen anderen Fällen von Vorteil für uns beide ist), kann er sich sehr, sehr fest machen und ich weiß genau: keine Gesprächsbereitschaft. Daher habe ich daran gearbeitet in den kleinen Andeutungen dieser Steifheit noch zu ihm durchdringen zu können und tatsächlich bin ich der Meinung dass eben dieses Üben dazu führt, dass wir jetzt so viel entspannter ohne Begleitung ausreiten üben können. Denn wenn er im Gespräch bleibt, fühlt er sich wiederum nicht so allein und steigert sich dann nicht in seine Unsicherheit oder Angst rein, sondern kann weiterhin klar denken.
Unsicherheit ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Und wir dürfen uns immer und immer wieder klar machen, dass Unsicherheit sich im Pferd wie auch im Menschen extrem unterschiedlich äußern kann. Mancher unsichere Mensch wird zum Angeber. Oder aggressiv. Andere verstecken sich und reden nur ganz leise, bei ihnen ahnt man am ehesten, was das Problem ist. Aber bei Angebern und aggressiven Menschen wird man nicht so schnell an Unsicherheit denken. Muss ja auch keine sein, kann aber halt. Und so ist es auch bei vielen Ponys: es MUSS nicht zwangsläufig immer Unsicherheit sein, wenn sie plötzlich stehen bleiben oder den Hals ganz gerade und fest machen. Aber es KANN Unsicherheit sein. Das sollten wir niemals vergessen. Deswegen im Zweifel für den Angeklagten: es so behandeln als wäre es Unsicherheit und dann sehen was passiert.
Wenn jemand unsicher ist, nützt es ihm aber auch nichts, wenn sein Gegenüber dann AUCH unsicher wird. Eins meiner größten Probleme beim alleine ausreiten ist genau das: wenn Duncan sich Sorgen um irgendetwas macht, produziert mein Kopf sofort Angstszenarien. Und dann sind wir zwei ganz allein und beide verunsichert – keine gute Kombi. Deswegen übe ich das so kleinschrittig, damit für uns beide immer die Möglichkeit besteht, irgendwie raus zu kommen aus solchen unguten Momenten. Je mehr wir das üben, desto besser werden wir. Mir persönlich hilft dabei ein bisschen schauspielern. Ich sage mir selbst: ich tu einfach so als wäre ich mir sicher. Das ist nicht sooooo überzeugend, aber immer noch besser als wenn ich mir die ganze Zeit vorbete, wie groß doch meine Angst ist. Und oft reicht ein bisschen gespielte Sicherheit um meinen Zustand so zu verbessern, dass auch Duncans Zustand sich verbessert.
Was mir aber auch hilft, ist zu erkennen, dass Duncans Unsicherheit sich doch meistens ziemlich ungefährlich äußert. Stehenbleiben oder Abbiegen im Schritt ist kein Problem. Und selbst der gelegentliche Sprung zur Seite oder nach vorn ist kein Thema. Ich kann also mehr und mehr Sicherheit gewinnen, dass das das schlimmste ist, was passiert und das diese Verhaltensweisen mir im Zweifel noch genug Zeit lassen, schnell abzusteigen und Duncan von unten zu unterstützen. Da ich Duncan von klein auf beigebracht habe, dass Stehenbleiben das Mittel der Wahl ist, darf ich mich jetzt nicht beschweren, wenn er etwas mehr stehen bleibt als mir lieb ist. Dann rufe ich mir ins Gedächtnis, dass das die sicherste Option ist, die er im Angebot hat. Schritt zwei ist, dass wir üben, einen gleichmäßigen Vorwärtsfluss zu erhalten. Aber das ist für uns eben Schritt ZWEI. Und die Möglichkeit, stehen zu bleiben, halte ich ihm nach Möglichkeit immer offen.
Das Gegenteil von Unsicherheit ist Sicherheit – und die gewinnen wir am besten durch Erfahrung und ein gesundes Selbstbewusstsein. Wenn Duncan noch ein paar Jahre älter ist, mehr von der Welt gesehen hat, mehr komische Situationen gemeistert hat, wird er noch sicherer sein in der Welt. Wenn ich noch ein paar komische Situationen mit ihm zusammen erlebt habe und die Erfahrung gemacht habe, dass er wirklich ungefährlich reagiert, werde ich mir noch sicherer sein mit ihm. Darauf freu ich mich!