Als wir neulich auf dem Dachboden zwischen Dampfdiffusionsfolie, Kabeln und Dämmwolle herumgekrochen sind, kam durch eine verrückte Assoziationskette in meinem Kopf eine Erinnerung an Finlay hoch. Manchmal – ist das bei Euch auch so? – kommt so eine Erinnerung gestochen scharf, als wäre es gestern passiert.
Damals sollten wir helfen, dass ein junger Araber umziehen kann. Der kleine Mann hatte noch wenig Ahnung vom Leben und war nun nicht gerade ein begeisterter Anhänger-Fahrer. Um nicht zu sagen: die ganze Aktion war eine von denen, an denen alles falsch ist. Mit dem Pferd noch nicht mal genug führen geübt, geschweige denn verladen und fahren, die Besitzerin ein nervliches Wrack weil die Stimmung am Stall gruselig war und auch das Wetter war nicht gerade eitel Sonnenschein. Ich selbst war ebenfalls nur so halb fit. Arnulf und ich taten unser bestes, um den Araber zum Einsteigen zu bewegen, aber keine Chance. Plan B war eine Sedierungspaste, die die Besitzerin auf mein Anraten besorgt hatte. Ich habe mit genau EINER dieser Pasten gute Erfahrungen gemacht (Domosedan) mit anderen habe ich sehr, sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Leider hatte die Besitzerin nicht die richtige Paste bekommen und ich merkte zu spät, dass es eine von den blöden war. Das Desaster wurde also gar nicht weniger, sondern größer. Der Araber schwankte jetzt zwischen halb schlafen und Adrenalin-gepusht steigen hin und her. Super! Mittlerweile war viel zu viel Zeit vergangen und ich fällte eine Entscheidung. Entgegen meinem Vorsatz, keine fremdem Pferde mehr in meinem eigenen Anhänger zu transportieren (aus Versicherungsgründen), beschloss ich, nach hause zu fahren und Finlay zu holen.
Ich fuhr heim, hängte unseren Anhänger an und ließ Finlay einsteigen. Wir fuhren zu dem Araber. Arnulf nahm den Kleinen am Strick, der sah Finlay – dem er nie zuvor begegnet war – im Anhänger stehen, stieg sofort ein, ging bis fast ganz vorne durch. Finlay drehte ihm seinen Kopf zu. Ich hatte Sorge: wenn Finlay jetzt meckert, was das soll, dann klappt das Ganze nicht. Die Pferdenasen berührten sich, Finlay nahm den Kopf zur Seite, der Araber stieg ein und fuhr, in Finlays Gesellschaft, in aller Ruhe in den neuen Stall.
Bis heute weiß ich nicht, wie mein wunderbares Pony das gemacht hat. Er hat in Sekundenschnelle das geschafft war wir mit geballter Pferdeerfahrung plus (wenn auch schlechter) Sedierungspaste in Stunden nicht hingekriegt hatten.
Und heute, wenn ich so zurück schaue, glaube ich, dass das vielleicht seine größte Leistung war. Seine größte Stärke. Ich habe keine Worte um auszudrücken, wie stolz ich heute noch bin, dass er so wunderbar die Situation gerettet hat.
Kann man einem Pferd beibringen, so zu sein? Ich weiß es nicht. Vielleicht kann man es manchen Pferden beibringen. Sicherlich ist es kein aktives Beibringen, wie ich ein Seitwärts beibringen kann. Finlay hat sich sehr sicher gefühlt in der Welt. Er war auch überzeugt davon, dass alle Menschen ihm Gutes wollen. Und er ist gern Anhänger gefahren. Vielleicht war es diese Kombination, die er so sehr ausgestrahlt hat, dass der kleine Araber ihm das geglaubt hat. Trotzdem hätte Finlay ja in dem Moment auch sagen können: „mein Anhänger, mein Heu, verschwinde hier!“. Aber Finlay war auch immer zu allen Pferden freundlich. Er konnte gar nicht genug Freunde haben! Einmal als wir Ausreiten waren, sind wir einer Bekannten meiner Freundin zu Pferd begegnet und spontan zusammen geritten. Am Ende haben wir die beiden an ihrem Hof abgeliefert und sind zu zweit zurück geritten. Als wir einige Wochen später an eben jenem Hof vorbei ritten, wieherte Finlay dem anderen Pferd fröhlich zu: „hallo, wir sind da, willst du nicht mitkommen?“ und er war sichtlich betrübt, dass das andere Pferd nicht mitkommen wollte.
So etwas ist sicher nicht trainierbar, sondern eine Charakterfrage. Wahrscheinlich wird es aber durchaus ausgeprägter, wenn ein Pferd nur gute Erfahrungen mit anderen Pferden macht.
Mein Finlay war damals, als er uns mit dem kleinen Araber geholfen hat, schon etwas älter als mein Duncan jetzt. Ich glaube er war 7, wenn ich mich nicht verrechnet habe.
Duncan ist mit fremden Pferden immer noch recht aufgeregt. Wir haben aber auch noch nicht so viele Begegnungen gehabt, da es als Hengst so schwierig war und mir das noch in den Knochen sitzt. Ich hoffe, dass ich es jetzt bald schaffe, mal ein paar mehr Fremd-Pferde-Begegnungen zu arrangieren und Duncan zu zeigen, dass die alle nett sind, aber dass man mit allen auf höflichem Abstand bleibt. Ich bin gespannt, ob auch Duncan irgendwann so souverän und hilfreich sein kann, einem ihm völlig fremden Pferd in einer Notlage so auszuhelfen, wie mein Finlay es damals ganz selbstverständlich getan hat. Sollte er es nicht können, ist das völlig in Ordnung. Trotzdem bleibt es für mich eine Möglichkeit, die ich nicht aus den Augen verlieren will, denn zumindest ein Stück weit glaube ich, dass es eben doch auch an meinem Umgang mit Duncan liegt, ob er so werden kann oder nicht.
Denn das Sicher-fühlen in der Welt und das Gefühl dass alle um ihn herum freundlich und ihm wohlgesonnen sind, dass kann ich schon ein Stück weit beeinflussen. Und ich glaube, dieses Gefühl ist der Grundstock dafür, dass so ein Verhalten später möglich wird. Ich möchte versuchen, Finlays Freundlichkeit weiterzutragen zu Duncan wie ein kostbares Erbstück dass ich weiter gebe.