Was wir noch nicht können

Ich bin stolz auf mein Pony. Mit seinen 5 Jahren hat er schon eine Menge drauf, finde ich. Aber es gibt natürlich auch viele Dinge, die er noch nicht kann – oder besser: die wir noch nicht können. Denn vieles davon hängt mit meinem Nervenkostüm zusammen.

  • alleine ausreiten (würde schneller klappen wenn ich bessere Nerven hätte)
  • Kutsche fahren (hängt von vielen äußeren Faktoren ab, aber im Moment hätte ich ganz sicher nicht den Nerv dafür)
  • entspannt mit irgendwelchen fremden Pferden ausreiten (würde besser klappen wenn ich bessere Nerven hätte
  • Galopp auf dem Reitplatz

Und natürlich viele andere Lektionen etc, aber das sind jetzt mal die Dinge, die mir noch fehlen würden um zu sagen: er hat eine solide Grundausbildung, auf der wir jetzt weiter aufbauen können.

Normalerweise mag ich so eine Aufzählung von Defiziten nicht. Aber manchmal kann es helfen, vor allem dann, wenn es nicht um unüberwindbar scheinende Hindernisse handelt, sondern um Dinge, für die wir einfach noch nicht genug Übung haben. Also in die wir entweder noch nicht genug Zeit und Training investiert haben, oder für die Duncan noch etwas älter und erwachsener werden muss. In meiner Liste gilt an den meisten Punkten beides. Dass Duncan älter wird, passiert von allein. Dass er erwachsener wird, ist zum Teil aber auch mein Job. Denn das, was in der Natur passieren würde, wird hier in unserer Herde nicht passieren. In der Natur würden alsbald (wäre wahrscheinlich schon längst passiert) jüngere Pferde nachrücken und Duncan wäre nicht mehr das „Baby“ der Gruppe. Da in der Natur auch sehr viel mehr Verantwortung zu tragen ist, würde Duncan nach und nach in diese Aufgabe mit hineinwachsen. Bei uns ist aber (zum Glück!) alles sehr sicher für die Pferde und wenn dann doch mal was sein sollte, besteht Duncan nach wie vor darauf, dass Diego bitte die Verantwortung übernehmen soll. Ich muss mir also überlegen, wie ich es so hinkriege, dass Duncan einerseits MIR mehr zutraut, die Verantwortung zu übernehmen, andererseits aber auch selbst noch sehr viel sicherer wird in der Welt, so dass er SELBST auch mehr Verantwortung übernehmen kann und das auch tut.

Unsere „Ignoranz-Übung“ am Sonntag war da für mich sehr erhellend, denn ich glaube, in dieser Übung steckt von beidem ein bisschen. Nachdem ich Duncan bisher immer erlaubt habe, zu schauen, und ihn auch dazu ermuntert habe, finde ich jetzt, er kann unterscheiden zwischen den Dingen die er kennt und daher mit einem Blick abhaken kann und den Dingen die er nicht kennt.

In der Natur hätte vielleicht der erste Hungerwinter ihn das gelehrt (reine Phantasie meinerseits, keinerlei Wissenschaft!). Ich stelle mir vor, dass ein Pony am Rande des Existenzminimums zum einen keine Zeit hat, immer zu glotzen, weil es essen muss und zum zweiten auch keine Energie übrig hat um unnötig zu fliehen (auch wenn es nur ein paar Galoppsprünge sind). Vielleicht wird ein junges Pony in einem harten Winter eine gewisse Gleichgültigkeit erlangen, die bewirkt, dass es in Zukunft mehr unterscheidet zwischen echten Gefahren und Dingen, die in Wirklichkeit nicht gefährlich sind.

Vielleicht ändert sich diese Unterscheidung für einen jungen Hengst auch im Frühling, wenn die Stuten wichtiger sind als alles andere und man quasi nebenbei lernt, Dinge mal zu ignorieren anstatt alles anschauen zu müssen. Prioritäten setzen.

Soweit ich weiß, ist es wissenschaftlich erwiesen, dass für Pferde zunächst alle Außenreize gleich wichtig sind. Sie filtern nicht, wie wir, sondern nehmen alles wahr und schätzen alles in Hinblick auf seine Gefährlichkeit ein – ein überlebenswichtiges Konzept, wenn man bei so einigen Raubtieren auf dem Speiseplan steht! Dennoch können Pferde auch lernen, dem Menschen und seinen Signalen mehr Bedeutung zu geben als den anderen Informationen. Häufig geschieht dies leider auf recht unfeine Art und Weise, aber es geht durchaus auch nett und freundlich (wie immer dauert nett und freundlich anfangs länger, ist dann aber auch nachhaltiger und macht natürlich beide glücklicher).

Ich habe mir über diese Dinge bei Finlays Ausbildung nur wenig Gedanken gemacht. Finlay war so ein Stoiker, der hat sich für die meisten Dinge nicht interessiert. Was ihm Sorge gemacht hat – motorisierte Fahrzeuge – war mit Üben und Keksen zu erledigen. Ob er allein oder mit jemand anders unterwegs war, hat da nicht so einen großen Unterschied gemacht. Erst Duncans Art, die Welt zu sehen, haben mich darauf hingewiesen, wie viel es da noch zu entdecken gibt und Elsa Sinclair hat mich viel darüber gelehrt, worum es dabei geht.

Und fast alle Themen, die ich mit Duncan noch abzuhaken habe, bevor die Grundausbildung abgeschlossen ist, hängen mit diesem Thema zusammen. So sehe ich mich jetzt vor einer großen, neuen Aufgabe und die Liste an Dingen die er noch nicht kann lässt sich zusammefassen unter der Überschrift: was sein Mädchen jetzt ausprobiert und (neu) lernt.

Ich habe nicht erwartet, dass da noch so eine Mammutaufgabe lauert, aber ich bin froh, dass ich sie jetzt zumindest in Worte fassen kann, so dass ich nun genau weiß, worum es dabei geht.

Gleichzeitig lerne ich nochmal was über meine eigene Angst. Darüber, wie ich es am besten schaffen kann, meine Ängste in den Hintergrund rücken zu lassen. Ganz kleinschrittig und geduldig mit mir selbst zu arbeiten, meine Grenzen zu akzeptieren und immer mal einen kleinen Zeh rüber zu strecken, bis die Grenze sich etwas verschiebt. Niemand zwingt mich, allein ausreiten zu gehen. Aber ich merke: es ist mir wichtig genug, um es immer wieder zu versuchen. Und ich werde das auch schaffen. Irgendwann. Und noch etwas später werde ich es genießen können und Spaß daran finden – denn dafür mache ich das Ganze schließlich! Dabei denke ich an all jene Reitschülerinnen, die jetzt Dinge tun, die sie sich früher nicht getraut haben. Ich überlege, was diesen Frauen geholfen hat und versuche, es für mich genauso zu machen, wie ich es für sie gemacht habe.

Ein einziger Punkt auf obenstehender Liste hat nichts mit meinem Nervenkostüm zu tun: Galopp auf dem Reitplatz. Dass wir das noch nicht können hängt schlicht und ergreifend an Duncans Balance und Kraft. Ich habe ihn ein paar mal gefragt ob er es schafft, aber die Anwort war Renntrab (ich bin sicher dass er wusste, was ich wollte, er hat es nur nicht geschafft). Also warte ich nun wieder eine Weile, lasse ihn Kraft und Balance trainieren, bevor ich nochmal nachfrage. Gleichzeitig übe ich an der Longe das Angaloppieren aus dem Schritt, das dauert auch noch etwas, bis er das hinkriegt.

Ihr seht: es gibt viel zu tun. Langweilig wird uns nicht so schnell werden, die Herausforderungen warten überall. Und wenn wir die Punkte auf der Liste oben abgehakt haben, fallen uns neue Dinge ein, die wir noch lernen und üben können, aber darüber denke ich jetzt noch nicht groß nach. Nebenbei sind ja auch die anderen Dinge aktuell: Trainieren für den ersten kleinen Distanzritt (im Winter wird das schwierig, aber vielleicht können wir das Fitnessniveau wenigstens nicht allzu weit absinken lassen, damit es im Frühjahr flott wieder los geht), weiter auf dem Reitplatz an „schönem Reiten“ arbeiten, Trittsicherheit und Stärke trainieren (wahlweise am Berg, auf der Wippe oder über Stangen), den Kopf mit Umweltreizen füttern (in fremdem Gelände und vielleicht im Winter auch mal in einer fremden Reithalle bei einem Treffen mit anderen) und bei all diesen Dingen nie vergessen worum es wirklich geht: darum, die gemeinsame Zeit in vollen Zügen zu genießen, egal was wir schon können und was noch nicht.

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