Der will nicht

Da war er wieder, der Satz der Sätze zum Thema Verladetraining „der hat keine Angst, der will nur nicht“. Immer, ausnahmslos, in einem Tonfall, der ganz klar macht, dass man das als Unverschämtheit empfindet. Der will nicht. Wie kommt das freche Pferd dazu, eine eigene Meinung und womöglich noch einen Willen zu haben? Wie kommt das Mistvieh dazu, etwas nicht zu wollen, was es gefälligst zu wollen hat, weil ich es doch will?

Natürlich formuliert niemand das so drastisch. Aber in meinen Ohren hört es sich oft so an. Ich denke dann manchmal an meine Kindheit. Ich hatte oft Kopfschmerzen und die Ursache blieb unklar. Mehrere Ärzte hatten keine Idee und keine Lösung. Mindestens einer davon, an den ich mich erinnere, formulierte dann den Satz „das Kind bleibt nur zu hause wenn es Fieber hat“. Und mir war völlig klar, was damit gemeint war: Er hielt die Kopfschmerzen für eine Ausrede, weil ich nicht in die Schule gehen wollte.

Vielleicht bin ich deswegen so vorsichtig mit der Aussage „der will nur nicht“. Weil ich weiß, dass es Zustände gibt, die schlimm sind, aber unsichtbar. Kopfschmerzen zum Beispiel. Keiner kann das von außen sehen oder gar bewerten. Und ich will nicht ausschließen, dass Kopfschmerzen oft als Ausrede für alles mögliche genommen werden – aus genau dem Grund. Ich hatte sie aber nunmal wirklich und an manchen Tagen haben sie mir das Leben zur Hölle gemacht. Und wenn wir ehrlich sind, war es eher eine Bankrotterklärung der Ärzte, die nicht wussten, was die Ursache ist und mir nicht helfen konnten.

Und die Sache mit der Angst…. „der hat keine Angst“. Hm, woher genau weißt Du das? „weil er ja dann doch irgendwann reingeht“. Nein, das ist kein Beweis dafür, dass er keine Angst hat. Ein echter Beweis dafür, dass er keine Angst hat, wäre wohl eine Kombination aus Pulsmessung und Speicheltest. Mindestens letzteres ist uns im Alltag nicht möglich, eine Pulsuhr in Zukunft öfter einzusetzen ist mein fester Plan, wobei sich ohne Referenzwerte des individuellen Pferdes die Aussagekraft wohl auch eher in Grenzen halten wird. Wie oft tun wir selbst Dinge, vor denen wir Angst haben? Zum Zahnarzt gehen, in ein Flugzeug steigen oder eine Prüfung ablegen zum Beispiel. Dass man etwas tut – und vielleicht sogar gut macht – heißt nicht, dass man keine Angst hat. Und selbst wenn man keine Angst hat, vielleicht hat man Kopfschmerzen.

Und jetzt gehen wir mal davon aus, dass unser Pferd weder Angst noch Kopfschmerzen hat. Dass es einfach nicht will. Was passiert dann mit uns? Häufig finden wir das ganz schrecklich. Weil….. warum eigentlich?

In meinem Fall kann ich das recht klar nachvollziehen: mir wurde als Kind und Jugendliche im Reitverein beigebracht und vorgelebt, dass der Mensch sich in jedem Fall gegenüber dem Pferd durchsetzen muss. Das Pferd war dazu da, zu tun, was wir wollten. Was das Pferd wollte, danach wurde nicht gefragt. Und wenn man gefragt hätte, wäre als Antwort von den Menschen wohl auch nur „Fressen“ gekommen, obwohl ich sicher bin, dass die Pferde viel ausgiebiger geantwortet hätten.

Im Zusammensein mit Pferden haben wir Menschen die uneingeschränkte Macht – sogar über Leben und Tod, aber auch über alles dazwischen. Und die meisten Menschen können mit Macht nicht so gut umgehen, zumal uns meistens nicht beigebracht wird, wie man sie sinnvoll einsetzen könnte. Häufig wird uns vorgelebt, dass Macht einfach bedeutet, dass er der eine tun muss, was der andere will. Das fängt in der Kindheit an und selten erleben wir es anders – obwohl es anders geht. Viele Pferdebesitzer setzen ihre Macht heutzutage auch durchaus für viel Gutes ein und möchten ihrem Pferd ein schönes Leben bereiten. Aber oft erwarten wir dafür – bewusst oder unbewusst – dass das Pferd will, was wir wollen. Ich nehme mich da keineswegs aus!

Es hat mich ein paar Jahre gekostet, um meine eigenen Muster an der Stelle zu erkennen. Na klar wollen wir Einfluss haben auf die Welt, das ist ganz normal. Wir versuchen, alles um uns herum unter unsere Kontrolle zu bekommen – jeden Menschen, jedes Tier, jeden Umstand so zu beeinflussen, dass es uns gefällt. Ein sehr menschliches Bedürfnis und nicht nur: Pferde tun ebenfalls vieles, um uns so zu beeinflussen, dass wir uns in ihrem Sinne verhalten. Und wie ein Pferd vielleicht anfangen wird, zu beißen, damit wir endlich den Keks rausrücken, so werden wir Menschen oft grob, wenn das Pferd nicht tut, was wir wollen. Der will ja nur nicht! Der hat aber gefälligst zu wollen!

Es kann ein langer Weg sein – und ich bin ihn noch längst nicht zu Ende gegangen! – das eigene Verhalten zu durchschauen und zu verändern. Wenn mein Pferd etwas nicht will, sehe ich heute zwei Möglichkeiten: ich kann das so akzeptieren (was allerdings im Falle von Einsteigen in den Anhänger nicht akzeptabel ist, denn das kann meinem Pferd einmal das Leben retten). Oder ich kann machen, dass mein Pferd das will. Wie ich das mache, bleibt mir überlassen, denn ich habe die Macht. Mit dieser Macht verantwortungsvoll umzugehen, einen freundlichen, pferdegerechten Weg zu finden, das ist die Kunst. Den Willen des Pferdes nicht zu brechen, sondern lediglich ein bisschen zu vergrößern, so dass es mehr will als vorher und mehr Dinge gut findet als vorher. Ihm nichts zu nehmen, sondern etwas zu geben, das ist mein Ziel.

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