Am Montag war Duncan ordentlich nassgeschwitzt, das hat er ja auch in seinem Tagebuch berichtet. Daraufhin bekam ich eine Sprachnachricht von einer Schülerin, die sich über sich selbst totlachte, weil sie sich immer gleich Sorgen macht, wenn ihr Pferd ein bisschen schwitzt. Sie hatte anhand des Artikels bemerkt, dass sie da wohl irgendwo in ihrem Gehirn falsch abgebogen ist. Denn natürlich ist es total normal und sogar gesund, dass ein Pferd auf einem flotten Ausritt schwitzt. Wir machen schließlich Konditionstraining und Duncan soll sich ja auch richtig auspowern (das habe ich am Montag offensichtlich NICHT geschafft).
Für mich war das Anlass, über „normal“ nachzudenken. Normal ist etwas, was einer Norm entspricht. Diese Norm legt die Gesellschaft fest und jeder für sich selbst. Sie ist aber durchaus nicht unverrückbar, wie wir am einfachen Beispiel des Rauchens sehen können: vor ein paar Jahrzehnten war Rauchen quasi immer und überall normal. Über die Zeit hat sich die Einstellung der Gesellschaft zu dem Thema verschoben: heute ist es normal, dass z.B. im Restaurant und im Zug nicht geraucht werden darf.
Zu meiner Reitvereinszeit war es normal, dass ein Pferd fast 24 Stunden in der Box steht, heute ist das – zumindest in den Kreisen, in denen ich unterwegs bin – nicht mehr normal. Zum Glück!
Als ich anfing, mit meiner Freundin auszureiten, waren 6km für mich „die große Runde“. Ein knappes Jahr später sind Finlay und ich 28km Einführungs-Distanz geritten. Unser „normal“ hatte sich verschoben. Für meine Freundin hingegen war es vorher schon völlig normal, viele Kilometer zu fahren oder zu reiten. 20km vor der Kutsche war eine ganz normale Durchschnitts-Fahrt am Sonntag. Und es war auch normal für sie, dass das Pony nachher nassgeschwitzt war und eine hohe Atemfrequenz hatte, die für mich schon sehr bedrohlich aussah (was sie keineswegs war!).
Weil ich damals im Distanzritt-Training erlebt habe, wie „normal“ sich verschieben kann, bin ich viel besserer Dinge im Training mit Duncan. Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie etwas, was er und ich unheimlich anstrengend finden, in einem halben Jahr „auf einer Arschbacke“ erledigt ist. Zum Beispiel 9 km flotter Ritt mit 6km Trab. Vor einem halben Jahr waren wir danach kaputt, jetzt nicht mehr. Und das obwohl wir nun wahrhaftig nicht hart trainieren und keineswegs sehr sportlich ambitioniert unterwegs sind. Vor einem Jahr war der erste gemeinsame Trab so gar nicht normal, heute ist es normal, dass wir jede Gelegenheit zum traben nutzen und dabei auch lange nicht mehr so zimperlich sind, was die Böden und Wege angeht.
Es gilt also, immer wieder mal zu schauen, was wir als „normal“ empfinden und ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre, dieses „normal“ zu verschieben. Dicke Pferde gelten heute als normal und werden also nicht mehr als dick angesehen. Eine böse Falle, denn nur weil wir es nicht so empfinden wird es nicht weniger ungesund.
Viele meiner Reitschülerinnen sehen es als „normal“ an, nicht oder nur wenig zu galoppieren – genau wie ich. Für Merlin hatte mir ein Trainer vor vielen Jahren mal den Tipp gegeben, ein halbes Jahr nur Schritt und Galopp zu reiten und nicht zu traben. Das war einer der besten Tipps die ich bekommen habe, es hat Merlin sehr gut getan und es hat unser „normal“ verschoben. Jetzt, mit Duncan, habe ich noch keinen Galopp auf dem Platz (und ich glaube das dauert auch noch). Vorerst kann ich also nur im Gelände galoppieren und arbeite jetzt daran, dort unser „normal“ zu verschieben. Meines in Hinblick auf die Geschwindigkeit, die er dabei aufnimmt und unser beider in Hinblick auf die Frage wie lange und auf welchen Wegen wir galoppieren.
Ich habe dabei eine sehr interessante Beobachtung gemacht, nicht nur bei mir, sondern auch bei Schülerinnen: wenn man sich angewöhnt, sein eigenes „normal“ immer wieder zu verschieben, wird auch diese Verschiebung normal.
Manche sagen dazu „raus aus der Komfortzone“ aber das ist nicht das was ich meine, bzw nicht das, was ich empfinde. „Raus aus der Komfortzone“ ist für mich inzwischen ein sehr negativ besetzte Forderung. Die Verschiebung von „normal“ hingegen kann extrem kleinschrittig sein. Zum Beispiel: wenn es normal für mich ist, Duncan ca 20 Minuten auf dem Platz zu reiten, verschiebe ich das, indem ich dann, wenn ich denke ich könnte aufhören, noch eine Runde dran hänge. Das tue ich konsequent seit ca einem halben Jahr. Ich schaue beim Reiten eigentlich nie auf die Uhr, ich arbeite nach Gefühl. Ich schaue nur davor und danach, so dass ich weiß wie lang die Einheit war. Und siehe da: nachdem ich immer eine „Runde“ mehr geritten bin als mein Gefühl gesagt hat, hat sich unser normal auf knapp 30 min erhöht. Ganz ohne dass wir die Komfortzone verlassen hätten.
Klar, bei den ersten Galoppversuchen im Gelände war ich ganz schön raus aus meiner Komfortzone. Aber wenn wir jetzt den Weg einfach mal durch galoppieren, wo wir vorher immer nach der Hälfte durchpariert haben, dann ist das nur etwas anstrengender. Wenn ich mich daran gewöhne, dass mein Pferd nach einem Ausritt schwitzt und schnauft, wird es normal und beunruhigt mich nicht.
„Normal“ kann gut sein – wenn ich weiß wie mein Pferd sich normalerweise verhält, kann ich Abweichungen schnell erkennen und so bei Problemen schneller eingreifen. Umgekehrt kann „normal“ aber auch gefährlich sein: wenn ich es gewohnt bin, dass mein Pferd beim Satteln die Ohren anlegt, nehme ich das nicht mehr als Not-Signal wahr. Wenn in einem Stall fast alle Pferde Gegenwehr beim Satteln und Gurten zeigen, normalisiert sich das und es ist plötzlich völlig ok, darüber hinweg zu gehen. Wenn es in einer Reitweise normal ist, dass das Pferd mit der Nase hinter der Senkrechten läuft, verschiebt sich unser ALLER Bild von normal, ob wir wollen oder nicht. Wenn unser Gehirn mit genügend dieser Bilder gefüttert wird, gewöhnt es sich daran. Es ist eine nützliche und gleichzeitig gefährliche Funktion unseres Gehirns, dass es „normal“ verschiebt – oft ohne dass wir das so recht merken. Und deswegen ist es an uns, das immer wieder zu überprüfen. Und wenn wir dann herausfinden, dass unser normal eigentlich nicht das ist, was wir wollen oder dass es einer objetiven Überprüfung nicht standhält (wie z.B. beim Gewicht eines Pferdes, wo es sehr gute, wissenschaftlich fundierte Kriterien zur Beurteilung gibt) – dann wird es Zeit, dieses normal zu verschieben.
Und so werde ich weiter an meinem normal schieben, denn mein Pony ist noch lange nicht so fit wie es mal sein kann und soll, meine Reitstrecken und Trainingsintensität kann sich also immer weiter steigern und ich bin gespannt, wo diese Verschiebung uns hin führt. Und ich verschiebe auch weiterhin mein normal in punkto Angst: es ist inzwischen normal für mich, dass bei fast jedem Ausritt mindestens eine Situation auftritt, in der ich Angst bekomme. Das ist gut, denn es bedeutet auch, dass es normal für mich geworden ist, immer wieder Dinge zu tun, vor denen ich mich etwas fürchte, von denen ich aber auch weiß: ich kann sie nicht besser vorbereiten, wenn ich es jetzt nicht tue, tue ich es nie. Und deswegen ist es gut, dass dieses „ich tue es jetzt“ für mich normal geworden ist. Sonst wäre es nämlich normal, es nie zu tun und immer nur völlig angstfrei auszureiten und das würde uns ganz schön einschränken, Sir Duncan und mich.
„Für Merlin hatte mir ein Trainer vor vielen Jahren mal den Tipp gegeben, ein halbes Jahr nur Schritt und Galopp zu reiten und nicht zu traben“ — warum?
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Weil Merlin seinen Rücken im Galopp sehr viel besser benutzt als im Trab und es also das bessere Training für ihn war.
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