Am Beginn jeder Reitstunde frage ich meine Schülerin, was sie machen möchte. Die lustigste Antwort darauf gab mir eine langjährige Schülerin, die auf mein „was ist der Plan?“ antwortete: „ich hab keinen, ich weiß doch wie gern Du experimentierst“. Da musste ich schmunzeln und klärte sie dann auf, dass ich auch dann experimentiere, wenn sie einen Plan hat…..
Da ich kein festes Konzept unterrichte, sondern versuche, für DIESE Reiterin und DIESES Pferd, so wie sie da heute vor mir stehen, sinnvolle Übungen und Hinweise zu finden, ist es immer ein experimentieren.
Besonders deutlich wurde mir das jetzt wieder mit einer Schülerin, die ich seit einigen Monaten begleite. In unserer ersten Stunde hatte ich bestimmte Ideen, was das Pferd angeht. Aber die Schülerin hatte ich ein bisschen übersehen, die war überfordert. Zum Glück äußerte sie das auch direkt und ich konnte einen Schritt zurücktreten und sehen, dass ich – bevor wir dem Pferd helfen können – die Schülerin erst mal in die Lage versetzen muss, dem Pferd zu helfen.
Am schwierigsten beim Unterrichten finde ich das Lehren des korrekten Timings. Für ein Pferd, das eine doppelt so schnelle Reaktionszeit hat wie wir Menschen, werden Dinge schnell un- oder missverständlich, wenn unser Timing nicht stimmt. Und beim Reiten setzt man fast zwangsläufig immer verschieden Hilfen ein, selbst wenn man es nicht will: man sitzt irgendwie, also gibt es schon mal IMMER eine Gewichtshilfe. Dann tun Reiterbeine oft nicht das, was der Reiter will, da gibt es ungeplante Schenkelhilfen. Und die Zügel in unseren Händen tun in aller Regel auch ungeplante Dinge, ganz abgesehen von allen psychischen Dingen, die wir mit im Sattel haben und die sich ganz direkt und konkret auf unser Pferd übertragen. Nun haben wir unser Pferd also völlig ungeplant mit einer Menge an Informationen bombardiert, mit denen es oft gar nichts anfangen kann, weil es in aller Regel (zumindest in den Kreisen, in denen ich mich bewege), nicht die entsprechende Ausbildung genossen hat, sondern im Gegenteil eher einer lebenslänglichen Verwirrung unterworfen war.
Gut geraten ist halb verloren, ich bleibe dabei. Und die Pferde raten, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt um mit uns Menschen klar zu kommen. Sie raten wild drauf los und nach und nach findet jedes seine eigene Taktik, mit der es einigermaßen rum kommt.
Nun komme ich also in eine Situation, in der die Reiterin meist nicht recht weiß, was sie da so alles tut, was sie tun könnte oder sollte und das Pferd weiß eben auch nicht so genau, was von ihm gefragt ist. Da haben wir noch nicht über handfeste Probleme gesprochen die von den Rückenschmerzen der Reiterin über den unebenen Reitplatz bis hin zu den ungünstigen Hufen des Pferdes beiden das Leben schwer machen.
Und ich soll es nun richten und habe dafür 45min Zeit. So fühlt es sich manchmal an….. und obwohl das natürlich keine Schülerin aktiv und bewusst von mir erwartet, tun es viele unbewusst doch. Sie stellen sich vor, dass in dem Moment, wo sie korrekt reiten (und das muss doch in 45min zu lernen sein!) das Pferd auch sofort korrekt läuft. Das wäre so als würde ich eine Ballettstunde nehmen in der Erwartung, danach Schwanensee tanzen zu können.
Und so verbringe ich viel Zeit damit, von der langen, langen To-Do-Liste, die sich mir beim Betrachten von Pferd und Reiterin präsentiert, erst mal Dinge ans Ende zu schieben, die wir jetzt eh nicht ändern können. Wenn ich dann alles nach hinten geschoben habe, was ich jetzt, hier und heute nicht ändern kann, bleiben noch genug Punkte, an denen wir uns abarbeiten können. Jetzt ist mein Job, den Punkt zu finden, an dem ich heute die schnellste, beste und effektivste Veränderung erreichen kann. Und das ist immer damit verbunden, dass ich Kompromisse eingehe, anders geht es nicht.
Ich probiere also was aus, versuche, meiner Schülerin etwas zu erklären und ein neues Bild zu geben. In den meisten Fällen wissen weder Reiterin noch Pferd, wie es besser geht, also muss ich überlegen, wem von beiden ich es zuerst erkläre und wie. Und so beginnt ein wilder Ritt durch 45min in denen ich Informationen in die beiden „Blackboxes“ Reiterin und Pferd hineingebe und beobachte, was wieder herauskommt.
Je länger ich diese Arbeit mache, desto höher wird naturgemäß meine Trefferquote, aber trotzdem ist es viel experimentieren und ab und zu liege ich total daneben. Dann freue ich mich, wenn ich eine neue Chance bekomme, um es besser zu machen.
Denn letztlich gilt Elsas wunderbare Richtschnur für alles was ich tue: „Wird es besser oder wird es schlechter?“ Und dann die entscheidende Frage dahinter „woran erkenne ich, was besser und was schlechter ist?“. Denn eins haben mich die Jahre gelehrt: Ob es besser oder schlechter wird, erkennt man NICHT an der Kopfhaltung des Pferdes, an seinem Tempo, an der Ausrüstung die jemand nicht, noch nicht oder nicht mehr verwendet, an Schleifen oder Abzeichen die jemand hat, an Schweiß der fließt oder nicht fließt und noch nicht mal daran, ob die Reiterin glücklich ist. Ob es besser wird oder nicht erkennt man am ehesten am Pferd. Daran, ob es sich sicherer fühlt, entspannter ist, sich groß und schön präsentiert, eine Aufgabe mit mehr Zuversicht angeht, sich lieber anfassen lässt als vorher, weniger Schmerzanzeichen zeigt oder vielleicht einfach mal einen Powernap einlegt.
Experimentieren können wir uns leisten – vor allem an zwei Enden der Skala: wenn wir nichts zu verlieren haben und wenn wir nicht MEHR zu verlieren haben. Dabei muss der Ausgang des Experiments offen sein: es ist kein Experiment, wenn wir vorab schon nicht bereit sind, zu akzeptieren, dass es schief gehen könnte. Daher müssen wir klarstellen, was im schlimmsten Fall passiert. Wenn wir nichts zu verlieren haben heißt das: im Zweifel gelingt halt der Zirkel nicht. Oder im Falle von Duncans und meinem Projekt „allein ausreiten“ versuche ich, meine Experimente so zu gestalten, dass es im Zweifel einfach nur etwas länger dauert, bis es uns gelingt. Ich halte das Risiko so klein, dass mein Experiment möglichst nicht dazu führt, dass er gar nicht mehr mit mir raus will.
Am anderen Ende der Skala, dort wo wir nichts MEHR zu verlieren haben, steht vielleicht das Pferd, das man nicht mehr zuverlässig von A nach B führen kann und das schon von einigen Trainern als gefährlich eingestuft wurde. Hier gilt es, die Sicherheit das Menschen herzustellen und dann das pferdefreundlichste Experiment zu starten, das mir einfällt. Und das sind dann manchmal Methoden, auf die eine Besitzerin sich zuvor nicht eingelassen hätte, weil sie zu lange dauern oder zu komisch aussehen, aber jetzt hat sie nichts mehr zu verlieren.
Häufig wird Pferdebesitzerinnen vom ausprobieren eher abgeraten. Das kommt sicherlich daher, dass zu viele Ausbilderinnen zu viele blöde Ergebnisse gesehen haben. Ich denke anders: wir sollten alle darin ausbilden, Experimente so zu gestalten, dass sie sinnvoll, pferdefreundlich und sicher sind. Und so gehe ich mit einem neuen Vorsatz aus diesem Blogartikel: anstatt immer „heimlich“ im Unterricht zu experimentieren, möchte ich meine Schülerinnen öfter mal anleiten, das selbst zu tun. Manche tun das schon und oft bekomme ich dann Rückmeldung, was gut geklappt hat und was nicht, darauf können wir aufbauen und vielleicht auch mal den Weg, den wir eingeschlagen haben, korrigieren.
Manche mögen meine Experimentierfreude nicht. Sie mögen lieber ein festes Konzept haben und das ist ja auch völlig in Ordnung. Da gilt mein alter Spruch: es gibt zwei Sorten von Schülerinnen – die einen halten mich aus, die anderen hab ich nicht lang……
In diesem Sinne auf zu fröhlichen neuen Experimenten!