Unbeugsam

Pferde äußern sich nicht über Sprache, sondern über Verhalten. Im Laufe der Jahre, im Zusammensein mit vielen Kundinnen, habe ich gelernt, dass Menschen sich auch sehr viel ehrlicher über Verhalten als über Sprache ausdrücken, aber das steht auf einem anderen Blatt…..
Manche Verhaltensweisen von Pferden sind total klar. Wenn die Nase an die Kekstasche wandert und die Oberlippe daran herum nestelt, können wir uns wohl sicher sein, was das bedeutet.
Aber was genau will mein kleiner Ritter mir sagen, wenn er im Gelände plötzlich einfach irgendwo hin abbiegen will? Das kann alles Mögliche bedeuten! Hat er ein körperliches Problem, ist er müde, drückt der Sattel, scheuert ein Hufschuh? Oder hat er einfach keine Lust mehr? Habe ich mich missverständlich ausgedrückt? Möchte er sich einfach was zu essen besorgen? Hat er Lust, vom Weg abzubiegen, weil er diesen Weg schon so lange kennt und jetzt mal woanders lang gehen möchte?
Häufig, wenn wir im Gelände an eine Kreuzung kommen, möchte er in eine andere Richtung abbiegen als ich. Häufig führt diese Richtung ihn nicht nach Hause oder zum Anhänger, sondern weiter weg. Die Strecke, die wir montags häufig reiten (die er also wirklich in- und auswendig kennen sollte), führt über einen Weg hin, einmal im Kreis und den gleichen Weg zurück. Wenn wir den Kreis geritten sind, will er eigentlich immer nochmal auf den Kreis abbiegen, nie zurück Richtung Ausgangspunkt. Eines Tages werde ich ihn dort mal selbst entscheiden lassen und schauen, was dann passiert.

Aber als wir die Bergtour gemacht haben, fand er es schon angemessen, nach dem ersten Berg Richtung Heimat abzubiegen. Heißt das, die Trab-Ausritte machen ihm mehr Spaß als das Klettern? Auch Diego äußert sich bei der Bergtour an einer Stelle immer so, dass er nach Hause abbiegen will, obwohl er das sonst eigentlich nie tut. Ich glaube, wir haben hier einfach zwei Flachlandtiroler….
Am Montag, als der Hund meiner Freundin ganz oben auf dem Holzstoß stand und Duncan beunruhigt war, kam wieder dieses deutliche „ich muss hier abbiegen“ zum Vorschein. Und mein Helikopter-Gen lief sofort auf Hochtouren. Der ist überfordert, der weiß, dass wir jetzt viel traben wollen und will das nicht, der hat Angst, keine Lust oder oder.
Dann habe ich beschlossen, mal so zu tun als wäre das, was er da tut, nur eine Reaktion auf den Schreck und das legt sich dann schon. Einfach voran, Trab geradeaus, dann geht es bestimmt gleich wieder. Es ging ja dann auch und er wollte auch am Ende des Kreises wieder so abbiegen, dass wir die Runde nochmal geritten wären. Heißt das, er hat sich dann wieder beruhigt und Spaß an unserem Ausritt gefunden? Oder ist er einfach nur ein sehr artiges Pony? Manchmal ist das alles sehr schwer zu unterscheiden.
Neulich durfte ich mal kurz das Pferd einer Schülerin reiten, die sich immer viele Sorgen macht, ob es ihrem Pferd gut geht. Es war interessant für mich, denn kaum saß ich auf dem Pferd, fühlte ich seine Sorgen sehr deutlich, aber ich bin jetzt sicher, dass sie woanders herkommen als meine Schülerin denkt. Während sie immer an den Sattel denkt und an ihren Sitz, denke ich eher, dass das Pferd gestresst ist, weil es nicht weiß, wie es seinen Körper verwenden kann und weil es Hilfen nicht als Hilfen verstanden hat, sondern als Übergriffe, die es abzuwehren gilt.
Aber auch das ist erst mal nur eine Interpretation, dessen muss ich mir bewusst bleiben. Das Verhalten eines Pferdes ist eine Botschaft an uns, aber was diese Botschaft genau ist, was das Verhalten bedeutet, müssen wir uns langsam erarbeiten und immer wieder überprüfen, ob das wohl wirklich so stimmt.
Mein kleiner Ritter äußert sich anders als andere Pferde. Natürlich hat sowieso jedes Pferd seinen eigenen „Dialekt“ und das kann es manchmal auch so schwierig machen, sie zu verstehen. Ich glaube, britische Ponyrassen bedienen sich generell mal einer anderen Sprache als andere Rassen die wir hierzulande so kennen. Das Highlandpony an sich zeigt gerne mal den berüchtigten „Plant“ (Wurzeln schlagen), immer wieder Thema in diversen Foren. Wenn das Pony überfordert ist, bleibt es stehen. Auch Duncan zeigt dieses Verhalten, allerdings nur dann, wenn wir alleine ausreiten gehen wollen. Er fühlt sich dann noch nicht sicher genug.
Außerdem fällt mir bei ihm deutlich auf, wie er seinen Körper ganz fest und gerade machen kann, wenn er eine deutliche Meinung zu etwas hat. Das kann zur Folge haben, dass er einfach geradeaus weiter geht, anstatt abzubiegen, oder dass er weiter läuft anstatt zu bremsen. Auf dem Reitplatz führt es manches mal dazu, dass wir es einfach nicht schaffen, abzuwenden. Dann scheint es mir weniger eine Meinungsäußerung als eine Problemlösung zu sein: er hat das Gleichgewicht verloren und hilft sich, indem er sich in der Geraden versteift. Es ist jedenfalls ein Gefühl, dass ich als „Rigidity“ bezeichnen würde (das online-Lexikon bietet u.a. „Unbeugsamkeit“ als Übersetzung an und ich denke sofort an Asterix und ein kleines gallisches Dorf…..) Und genau so fühlt es sich auch an. Gerade so, als würden seine Gefühle in dem Moment so stark in seinem Körper sein, dass dieser unbeugsam wird, ebenso wie sein Geist. Ein interessantes Gefühl (so lange es nicht gerade im Galopp auftritt, dann finde ich es sehr beängstigend…..) Dieses Gefühl versuchen Reiter häufig sofort zu unterbinden oder zu beenden. Ich bemühe mich darum, das möglichst selten zu tun (also nur in Situationen, in denen es uns gefährlich werden kann). Denn ich glaube, dass dieses Gefühl, dieses körperliche Verhalten daherkommt, dass man diese Ponys für schwere Arbeiten gezüchtet hat. Wer einen Hirsch den Berg herunter tragen soll, braucht genau jene Art von Unbeugsamkeit. Nur wer sich ordentlich anspannen kann, wenn nötig, wird so etwas schaffen. Nur wer sich so fest machen kann, kann einen schweren Baumstamm ziehen. Es ist eine Qualität solcher Pferde, dass sie das können, kein Manko! Und ich möchte eben jene Kraft nicht brechen, denn das ist die selbe Kraft, mit der Duncan mich jeden Berg runter trägt und mit der er seinen Rücken gegen mich stemmt, während er Kilometer um Kilometer trabt. Ich bin im Verhältnis zu ihm recht groß und schwer, er braucht Kraft, um mich zu tragen und dazu muss er sich unbeugsam machen sonst hängt sein Rücken durch. Es ist jene Unbeugsamkeit, die ihn stark macht und in dem Moment wo er dieses Gefühl gegen mich einsetzt, habe ICH den Fehler gemacht (und sei es nur weil ich ihn in eine Situation gebracht habe, wo ein Hund plötzlich zwei Meter über ihm steht oder weil ich seiner Meinung nach zu viel bremse, wenn er vorwärts will).
Mein Job ist nicht, diese Kraft zu brechen oder zu verbiegen, sondern sie für mich zu gewinnen und zu lenken. Wenn mir das gelingt (immer öfter), wird Duncans Unbeugsamkeit nicht nur meinem Pony, sondern auch mir zu Gute kommen. Und dann haben Duncan und ich ganz ohne Zaubertrank übermenschliche Kräfte, wenn wir unsere Kräfte bündeln und sie sich dadurch vervielfachen. Denn eben diese Unbeugsamkeit, die sich körperlich äußert, ist ja ein Ausdruck seines inneren Gefühls. Und es sind zwei Seiten derselben Medaille, ob man sich mit aller Macht wehrt und sich deswegen gegen etwas stemmt, oder ob man sich stark, stabil und unbesiegbar fühlt und deswegen groß und aufrecht dasteht wie ein stolzer Krieger. Ein Verhalten drückt ein Gefühl aus, und unser Job ist es, das Blatt zu wenden und die andere Seite dieses Gefühls zu entdecken um eine Stärke daraus zu machen. So einfach ist das! Und so schwer.

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