Gut geraten

…. ist halb verloren.

Puzzleteile setzen sich in meinem Hirn zusammen: Draußen, wenn Duncan und ich alleine ausreiten üben, bleibt er viel stehen und geht auf Aufforderung nicht geradeaus los. Das hatte ich auf seine Sorgen geschoben (und tue das zum größten Teil immer noch). Aber plötzlich hatten wir ähnliche Probleme auf dem Reitplatz. Dort habe ich es aufs Wachstum geschoben und den Osteopathen zu Rate gezogen. Arnulf hat Duncan dann auch prompt wieder die Hüfte gerichtet. Es wurde danach besser mit dem losgehen, aber nicht so gut wie es mal war. Dann war eine Zufallssituation, in der Duncan am Hufschlag förstern wollte und ich kurz etwas deutlicher wurde. Duncan ging plötzlich flott voran und blieb dabei. Und dann dämmerte es mir: ich hatte mit Duncan viel das Schreiten geübt, immer schön langsam und möglichst erhaben. Und mein kleiner Verdoppler, der immer findet, wenn etwas gut geklappt hat, kann man mehr davon machen, hat verdoppelt….. So üben wir jetzt auf dem Reitplatz den Unterschied zwischen langsam und schnell, stehenbleiben, losgehen und rückwärts. Weil sich zeigte: Duncan hatte bisher viel geraten und oft einfach das wiederholt, was vorher gut geklappt hatte, ohne zu verstehen, dass er dazu auf meinen Hilfen hören soll. Und ich hab es nicht gemerkt.

Pferde raten sehr, sehr gut. Es gehört zu meinem täglichen Brot, Stellen aufzudecken, an denen ein Pferd bisher nicht verstanden, sondern nur sehr gut geraten hat. Aber manchmal hat man selbst eben einfach blinde Flecken….

Am Sonntag im wilden Moor haben wir dann das angaloppieren auf Kommando geübt – und Duncan hat das fein gemacht! Einen Sonntag später, als ich NICHT galoppieren will, ist er nicht zu bremsen. Ob er auch da noch nicht sicher ist, was was bedeutet?

Ich denke, er weiß und versteht auf jeden Fall noch nicht, dass ich wirklich unter allen Umständen die Gangart bestimmen möchte. Warum auch? Grundsätzlich macht das für ein Pferd keinen Sinn. Wenn wir doch jetzt vorwärts kommen wollen, dann eben vorwärts, egal wie, oder? Aus Pferdesicht macht Trab oder Galopp da keinen Unterschied und wenn Galopp nunmal schneller und bequemer ist, dann halt Galopp!

Leider kann ich das auf dem Platz noch nicht üben, weil wir dort noch nicht galoppieren können. Ich brauche also einen Plan, wie ich ihm das im Gelände mal so erklären kann, dass er wirklich versteht, dass mir das wichtig ist (WARUM mir das wichtig ist, wird er wohl nie verstehen). Aber schließlich finde ich einen Weg, es doch vorher noch auf dem Platz zu üben: an der Longe. Und es zeigt sich: ich habe mich anscheinend am Sonntag SEHR klar ausgedrückt, denn Duncan weiß jetzt: wenn ich ihn im Trab ordentlich vorwärts schicke (ausnahmsweise wirklich so, dass er deutlich über ein vernünftiges Trabtempo hinaus kommt), heißt das NICHT dass er angaloppieren soll.

Ich weiß nach wie vor nicht, ob es am Sonntag eine bessere Lösung gegeben hätte. Ihn in schlechtester Cowgirl-Manier herum zu ziehen war eine Notlösung die mir überhaupt nicht gefällt. Sehr unfein. Die bessere Lösung wäre VORHER gewesen, das Thema noch klarer zu üben, aber die Idee mit der Longe kam mir zu spät. Und hier liegt die Krux in der Ausbildung: es gibt Verhaltensweisen, die treten nur in bestimmten Situationen auf. Diese Situationen sind manchmal schwer zu simulieren und dadurch kann man nicht so gut eine Übungssituation erstellen. Und da zeigen sie sich dann, die Missverständnisse. Zweite Lösung, die mir im Nachhinein eingefallen ist: Ich hätte am Sonntag schon bei den ersten Galoppversuchen seinerseits direkt wenden können. Da wäre er wohl noch leicht zu wenden gewesen und hätte sofort verstanden, dass das so nicht zielführend ist. Das ist also mein Plan B wenn er sich wieder so verhält (schließlich kann das auch einfach die reine Lauffreude gewesen sein, vielleicht wusste er sehr wohl ganz genau dass ich das nicht witzig finden würde…)

Ich vermute, ein mutigerer Reiter als ich hätte Duncan einfach laufen lassen, etwas schlimmes wäre wohl nicht passiert. Ich hatte auch nicht die Angst, dass an diesem Tag etwas schlimmes passiert. Ich hatte aber sofort das Bild im Kopf, was Duncan lernt, wenn ich ihn dieses mal laufen lasse. Wenn er im vollen Galopp hinter Diego her rasen darf (denn das war sein Plan. Gesittet galoppieren hätte ich vielleicht gestattet, aber gesittet war das nicht mehr). Ich glaube, es hätte ihm wahnsinnig viel Spaß gemacht. Und er hätte sich überlegt, dass er das jetzt öfter machen möchte. Und das gibt weder mein Mut her, noch unser Ausreitgelände, in dem man immer damit rechnen muss, dass die nächste Straße, der nächste Spaziergänger mit Hund oder die nächste enge Kurve kommt. Sorry, mein Ritter, wildes Rennen nur auf Ansage auf ganz bestimmten Strecken. Der Tag, an dem ich das genehmige, liegt noch in weiter Zukunft, denn der kommt erst, wenn ich sicher bin, dass die Kommunikation steht.

Nun haben wir ein paar Stellen ausgebügelt, an denen er eben nicht verstanden, sondern nur geraten hatte. Die nächsten dieser Stellen kommen bestimmt. All diese Fragen zu klären nennt sich übrigens „Ausbildung“.

Im Zweifel für den Angeklagten schreibe ich sein Verhalten am Sonntag diesem Missverständnis von „vorwärts oder nicht“ zu. Aber natürlich wird auch noch etwas anderes passieren – und vielleicht ist es das am Sonntag auch bereits gewesen: er wird die Regeln absichtlich in Frage stellen. Er rennt nun mal gern und er war sehr, sehr gut drauf am Sonntag. Vielleicht hat er auch einfach Lust gehabt, zu rennen und es gar nicht eingesehen, warum ich ihm da jetzt reinfunken will. Er ist inzwischen so stark und ausbalanciert, dass es ihn nicht mehr behindert, dass ich auf seinem Rücken sitze. Er hat auch mit mir obendrauf seine volle Bewegungskapazität erreicht und möchte die sicherlich auch mal ausnutzen. Dass das gefährlich oder zumindest für mich beängstigend ist, weiß er ja nicht. Er weiß: ich kann rennen und ich habe viel Übung darin, dabei auf den Hufen zu bleiben. Straßen, Autos und Hunden stören ihn dabei nicht, er stellt sich wohl vor, dass er da schon so durch navigieren kann. Das ist der Punkt, an dem es wichtig ist, dass wir Menschen doch 51% Entscheidungsgewalt haben. Ganz ehrlich: wären wir in der Pferdewelt unterwegs, wo er die Gefahren besser kennt als ich, würde ich mich auf seine Entscheidung verlassen wollen. Wenn er dort Vollgas gibt, kann uns das das Leben retten. Aber wir leben in der Menschenwelt und hier kann es uns das Leben kosten. Darum möchte ich das letzte Wort haben und er wird das leider akzeptieren müssen.

Und ich kann jetzt nur versuchen, das möglichst oft in möglichst harmlosen Situationen auf möglichst nette Art und Weise klar zu stellen und hoffen, dass er das eines Tages so hinnimmt. Und wenn er das tut, dann kann ich ihm ein wildes Rennen schenken auf einer schönen, freien, möglichst sanft ansteigenden Strecke. Aber das dauert wohl noch, bis wir so weit sind. Bis dahin mache ich ihm ein Gegenangebot: Anstatt wild zu rennen, darf er sich im gleichmäßigen Trab und ruhigen Galopp austoben, bis er sich so richtig wohlig müde fühlt, wie er es so gern mag. Und so kann ich vielleicht auch hier ein Missverständnis ausräumen. Anstatt immer nur zu bremsen und ihn damit zu verärgern, kann ich ihn vorwärts reiten bis er selbst bremsen möchte. Nur nicht über die kurze Strecke im Renngalopp, sondern über die lange im ruhigeren Tempo. Und so hat er mir auch mal wieder was erklärt: Berge rauf und runter klettern ersetzt nicht das Strecke machen.

Übrigens: nach unserem Ausritt mit Streit am Sonntag kam er am Montag wieder ganz besonders frohgemut zu mir gelaufen als ich ihn gerufen haben. ER fand den Ausflug großartig! Und das beruhigt mich, zeigt es doch, dass er mir das Gezerre am Zügel und das Schimpfen nicht übel genommen hat. Vielleicht hat er eben doch nur mal wissen wollen, was ich eigentlich machen würde, wenn er alle meine Kommentare ausblendet und seinen eigenen Wunsch nach Geschwindigkeit auslebt…. Man muss ja auch mal nachfragen, ob Regeln noch bestehen, dafür ist so ein Pubertätsschub da…. Und das finde ich in dem Rahmen in dem er es macht auch total legitim. Nur raten müssen soll er nicht, er soll sich sicher sein, was ich meine. Sich dann bewusst zu entscheiden, dass meine Meinung jetzt egal ist, dass man den Rüffel in Kauf nimmt für den kurzen Moment in dem man soooooo viel Spaß hat – das gehört auch mal dazu.

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