Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 413

Heute habe ich Einzugs-Jahrestag! Vor vier Jahren bin ich hier her gekommen. Damals war ich noch viel kleiner, aber im Herzen schon immer ein ganz Großer. Und deswegen habe ich meinem Mädchen auch von Anfang an gesagt, wie ich mir unser Zusammensein vorstelle. Nämlich abenteuerlich! Mit Ausflügen und Ausflügen und mehr Ausflügen! Als ich dann von der Funktion der Wackelkiste erfahren habe, war ich glücklich: man kann einfach so in fremdes Gelände und neue Wege erkunden ohne immer erst die alten laufen zu müssen! Das ist toll! Und so wusste mein Mädchen auch genau, was zum Jahrestag für uns dran ist: ein schöner, ordentlicher Ausflug mit der Wackelkiste in fremdes Gelände! Da sie heute keine Zeit hat, haben wir den gestern gemacht. Diego und den Mann eingepackt und los ging es in uns einen völlig unbekannten Wald. Mein Mädchen hatte da so eine Karte geschenkt bekommen, da wurde eine Route beschrieben, die sie gern mal reiten wollte. Und sie sagte, jetzt wo ich schon 5 Jahre alt bin und sie so gut tragen kann, können wir auch mal das Risiko eingehen uns ein bisschen zu verirren, weil ich nicht gleich so müde werde und schon ganz gut klar komme mit solchen Herausforderungen. Und ich sage Euch: das WAR eine Herausforderung! Mein Mädchen hatte auf der Karte diese Beschreibung gelesen:

„Die Route ist unter der Bezeichung SE 12 durchgängig mit Hufeisenwegweisern gekennzeichnet. Denen brauchen Sie nur zu folgen.

Startpunkt ist der Parkplatz an der Kreisstraße 88 bei der Siedlung „Am Moordamm“. Von dort reiten Sie in nordwestliche Richtung zunächst auf einem Kiesweg am Waldrand entlang, bis rechts ein Hauptwirtschaftsweg in den Wald hineinführt. Sie biegen auf einen Reitpfad nach rechts und reiten dann von dem Weg fort durch einen wunderbaren Buchenhochwald. Hier müssen Sie nur der Beschilderung folgen. Die führt sie auf verschlungenen Pfaden bis hin zu einem unbefestigten Rückeweg, dem Sie in südliche Richtung folgen. Nach der Überquerung eines weiteren Hauptwirtschaftswegs geht es wieder auf einem Trampelpfad zum nächsten Rückeweg. Auf diesem Weg reiten Sie in südliche Richtung zwischen Lärchen und Fichten. Wieder sorgt ein Pfad in die westliche Richtung für die Verbindung zwischen zwei Rückewegen, bis sie zurück zu einem Hauptweg geführt werden. Neben dem Hauptweg ist ein Reitweg angelegt worden. Kurz vor dem Waldrand wenden Sie sich wieder nach rechts in den Wald hinein und galoppieren auf schnurgerader Strecke zurück zu dem Kiesweg, der Sie links zum Parkplatz zurückleitet.“

Klingt toll, oder? Und so einfach. Weil man ja immer nur den Schildern folgen muss! Voll entspannt! Da muss man gar nicht ständig aufs Handy schauen, da kann man die Natur genießen. Soweit die Theorie. In der Praxis stellte sich das eher so dar:

„Sie starten frohen Mutes vom Parkplatz, an dem schöne, große, gut sichtbare Schilder angebracht sind, die Sie auf die gewählte Route führen. Schon nach kurzer Zeit freuen Sie sich, denn es ist ein Reitwegschild zu Ihrer linken zu sehen, und so biegen Sie wohlgemut auf den wunderschönen Pfad ab, der Sie durch die Stille des Waldes führt. Damit jedoch die Tour nicht allzu langweilig wird, haben wir ein paar Schmankerl für Sie eingerichtet. Ein erster, kleiner Hinweis auf das, was Sie erwartet, ist das Reitwegeschild zu Ihrer rechten, an dem nicht zu erkennen ist, ob da nun die ersehnte SE12 entlanführt oder ob Sie weiter geradeaus reiten sollen. Ein Blick auf Ihr Handy hilft Ihnen hier aber weiter: es geht noch ein Stück geradeaus. Und so finden Sie an der nächsten Kreuzung auch wieder ein Schild, dass die SE12 ausweist. Damit wollen wir Sie zunächst in Sicherheit wiegen, bevor das Abenteuer beginnt! Denn ab der nächsten Kreuzung haben wir beschlossen, die Schilder einfach weg zu lassen. Entdecken Sie den Pfadfinder in sich und finden Sie Ihren eigenen Weg! Anfangs werden Sie feststellen, dass das ganz leicht ist, weil freundliche Reiter vor Ihnen einen Pfad ausgetreten und gelegentlich mit Äppelhaufen markiert haben. Später finden Sie dann sogar wieder ein Reitwegeschild (ohne Nummer versteht sich, sonst wäre es ja zu einfach!). Sie biegen also in den wunderschönen Reitweg ab und Ihr Pferd bekommt gutes Trittsicherheitstraining im Unterholz. Irgendwann kommt IHnen das spanisch vor und Sie schauen wieder auf Ihr Handy um sich grob zu orientieren, in welche Richtung es gehen soll. Aufgrund der dortigen Information biegen Sie links ab und sehen ein Reitwegeschild, das Ihnen aufzeigt, wo der Reitweg gewesen wäre, wenn Sie ihn denn gefunden hätten. Weiter geht es den Schildern hinterher. Oder auch nicht, denn an manchen Stellen ist zwar ein Schild, aber kein Weg zu sehen, so dass Sie lieber wieder auf den Hauptweg abbiegen. Wo Sie von dort links hätten abbiegen sollen, verraten wir Ihnen nicht. Suchen Sie sich einfach einen Weg aus, der IHnen gefällt und hoffen Sie, dass Sie gut durchkommen bis zum nächsten Hauptweg. Dort angekommen stellen Sie fest, dass es den Hauptweg, den die Handy-App verspricht, gar nicht gibt. Sie reiten grob nach Richtung, bis Sie schließlich – oh Wunder! – wieder auf ausgeschilderte Reitwege stoßen (ohne Nummer versteht sich, der Spannung wegen!).

Wenn Sie dann schon etwas ermattet und genervt sind, wendet sich das Blatt: ab der Hälfte der Tour sind die Wege schön ausgeschildert, so dass Sie sich nun dem entspannten Teil des Ausritts widmen können. Aber nicht einschlafen! Denn es geht rechts – links – rechts – links – rechts – links! Dies dient der Gymnastizierung des Pferdes. Sie können natürlich auch – wie in der Wegbeschreibung vorgeschlagen – einen frischen Galopp einlegen, in dem Sie dann vermutlich (je nach Tempo Ihres Pferdes) ungefähr an 3-5 Reitwegeschildern vorbeisausen (sooooo groß sind unsere Reitwegeschilder halt nun auch wieder nicht!) bevor Sie merken dass Sie umdrehen müssen.

Sollten Sie am Ende der Route etwas Erholung brauchen, haben wir für Sie einen Couch am Wegesrand aufgestellt.

Mitzunehmen ist das kleine Marschgepäck für Pfadfinder:

  • Taschenmesser mit Handkreissäge
  • Taschenlampe falls es länger dauert
  • Haferbeutel falls das Pferd eine Stärkung braucht
  • ein ausgebildetes Rückepferd ist immer am Mann zu tragen!
Die Couch am Ende für ermattete Reiter und Pferde.

Das hätte mein Mädchen als passenderer Beschreibung der Route empfunden. Ich hatte keine Zeit mich darum zu kümmern. So viel Verantwortung! Da waren Wege durchs Unterholz zu finden und selbst die gut ausgeschilderten und zugegebendermaßen sehr romantischen Wege waren für ein junges Pony wie mich eine gute Übungsstrecke! Da waren Wurzeln, Matschlöcher und Äste am laufenden Band zu überwinden. Deswegen sind wir auch fast nur Schritt geritten, bis auf ein paar kleine Abschnitte, wo der Weg bequemer war zum traben (ich hab auch einen kleinen Galopp hineingeschmuggelt).

Irgendwo hier soll der Reitweg sein…

Insgesamt waren wir fast 15 km unterwegs und haben am Anfang gefühlte 100 mal angehalten und 30 mal umgedreht. Zum Glück war der anstrengende Teil in der ersten Hälfte, so dass es nachher etwas einfacher für uns alle wurde.

Aber was soll ich euch sagen – ihr wisst es ja: mich mal so richtig ordentlich austoben ist genau mein Ding! Ich liebe das! Und also war ich bestens gelaunt. Und mein Mädchen und ich haben festgestellt, dass wir beide nachher nicht so müde waren, wie wir es gedacht hätten. Also: das ganze Fitnesstraining hilft! Ich frage mich ja, wie Diego das macht. Völlig ungerührt nimmt er das alles so wie es kommt. Er kann auch die ganze Strecke vorneweg marschieren und die Verantwortung tragen. Ab und zu sagt der Mann, ich soll jetzt mal vorne laufen. Aber Diego findet dann alsbald, mein Schritt sei einfach zu langsam. Menno, ich hab halt kürzere Beine als er! Gestern haben mein Mädchen und ich dann ein bisschen gemogelt: immer wenn Diego uns eingeholt hatte, sind wir ein Stück getrabt, so dass wir weit vor ihm waren und dann sind wir nur so lange Schritt gegangen, bis er uns wieder eingeholt hatte. Ein guter Trick!

Ab und zu geh ich auch vorneweg. Der Mann wollte filmen, hatte aber sein Handy nicht mit.
Damit es Diego nicht zu langsam wird und er wieder meint, überholen zu müssen, lege ich einen kleinen, gemütlichen Trab ein (das war ganz am Ende der Tour, da war ich schon nicht mehr so flott…..)

Jedenfalls fanden wir den Ausflug am Ende doch ganz toll, wenn er auch etwas anders ablief als gedacht. Und mein Mädchen fand mich ganz toll (tut sie ja eigentlich immer) weil ich soooooo groß und stark und erwachsen geworden bin. Und sie sagt, wir haben jetzt wieder alles trainiert, was ich fürs Leben brauche: Trittsicherheit, Kondition und Konzentrationsfähigkeit. Und voll artig war ich natürlich auch, was denn sonst!

Euer Pfadfinder Sir Duncan Dhu of Nakel

Hier bitte rückwärts reiten und dabei dem Pony wie ein Kosake unterm Bauch hängen! Das haben wir aber lieber nicht versucht.

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