Sein Job

Wir galoppieren durch die zunehmende Dämmerung. Der Weg ist stellenweise hell, wo keine Bäume stehen, dann galoppieren wir ins Dunkel hinein, wo Bäume das letzte Tageslicht nehmen.

Wer hätte gedacht, dass ich so mutig sein kann? Duncan zögert. Ins Dunkle hinein im Galopp ist ein Risiko, das wissen wir beide. Wir kennen den Weg und wir können noch genug sehen um sicher zu sein, dass da keine Hindernisse sind. Ich spreche uns beiden Mut zu: wir können das! Duncan glaubt mir und galoppiert weiter. Links von uns knackt es plötzlich im Gebüsch. Wir zucken zusammen, Duncan beschleunigt für den Bruchteil einer Sekunde. Wird er jetzt losrennen? Nein, er pariert selbständig durch zum Trab.

Es sind diese Momente, die ich einfangen möchte. Momente, in denen mein junges Pony eine gute Entscheidung trifft – damit meine ich vor allem: eine Entscheidung die unser beider Sicherheit dient.

Deswegen lobe ich solche Entscheidungen grundsätzlich überschwänglich. Mein Pony muss wissen, welche Möglichkeit ich bevorzuge. Und das kann er nur wissen, wenn ich ihm das sage. Ich habe ihm NICHT gesagt, dass er durchparieren soll, aber ich kann ihm im Nachhinein sagen, dass ich diese Entscheidung besser fand, als losrennen.

Etwas später wiederholt sich die Szene, wieder beschleunigt Duncan nur für den Bruchteil einer Sekunde und fällt dann lieber in den Trab. Es sind diese Momente, die in mir das Vertrauen in mein Pony wachsen lassen. Je mehr gute Entscheidungen er trifft, desto mehr kann ich ihm vertrauen.

Ich denke an Elsa Sinclair: Zeig Deinem Pferd, dass du gute Entscheidungen triffst. Dadurch wird es mehr und mehr davon ausgehen, dass es sich lohnt, dir zu folgen. An diesem Abend, beim Ausritt im Dunkeln, dreht sich dieser Satz. Mein Pony zeigt mir, dass er gute Entscheidungen trifft. Ich folge ihm. Er kann im Dunkeln mehr sehen als ich, er kann besser hören als ich und er ist letztlich verantwortlich für unser Gleichgewicht. Wenn er sicher ist, dass er die Strecke im Galopp schafft, schafft er sie. Wenn er nicht sicher ist, werde ich ihn nicht überreden, zu galoppieren, weil ich die Verantwortung nicht übernehmen kann. Ich äußere Wünsche und mache Vorschläge, mehr nicht.

Ich denke an Ursula Bruns. Sie hat 1972 das wunderbare Buch „So macht man Pferde fit“ geschrieben, das mit der packenden Beschreibung eines Hundertmeilers (also ein Distanzritt über 160km) beginnt. Natürlich: wer 160km an einem Tag reiten will, reitet auch im Dunkeln. Und in den 1970er Jahren war keine Rede von LED-Beleuchtung. Die funzelige Taschenlampe mit den schweren Batterien taugte wohl nur eben um mal auf die Karte zu schauen, einen Weg ausleuchten konnte man damit sicher nicht (und wenn, dann nicht lang). Im Dunkeln reiten gehörte also selbstverständlich dazu und das Pferd ist derjenige, der die Verantwortung trägt, weil es besser orientiert ist im Dunkeln.

Die Karte, nach der damals geritten wurde, ist nicht viel mehr als etwas, was wir als Kinder als Schatzkarte gemalt haben. Ursula Bruns schreibt an einer Stelle den Dialog mit ihrem Mitreiter nieder, den sie fragt „weißt Du den Weg denn noch?“ und dieser antwortet „Ich nicht, aber mein Pferd war voriges Jahr schon hier“. Es gibt Dinge, die Pferde besser können als wir Menschen. Eine Höchstleistung wie einen Hundertmeiler können beide nur bewältigen, wenn jeder seinen Job kennt und machen kann.

Als wir durch die Dunkelheit reiten – jetzt nur noch im Trab, weil Duncan einmal gestolpert ist (erste Müdigkeit vom galoppieren), sind wir natürlich von einem Hundertmeiler genauso weit entfernt wie vom Mond, der sich heute nicht blicken lässt. Dennoch: Mein Pony hat Fähigkeiten, die ich nicht habe. Und er hat heute einmal mehr bewiesen, dass wir zusammenarbeiten können. Er ist kein reiner Befehlsempfänger, sondern trägt seinen Teil der Verantwortung mit und weiß, wie das geht. Auf dem Reitplatz möchte er von mir immer genau wissen, was er tun soll. Wenn er das dann getan hat, möchte er bitte den wohlverdienten Keks. So ist seine Vorstellung von unserer Arbeit auf dem Platz. Aber im Gelände liegen die Dinge anders. Hier ist sein Metier, hier kennt er sich aus. Er weiß, wie schnell er den Berg runter gehen kann ohne ins Straucheln zu kommen. Er sieht die Löcher im Weg und die Wurzeln und hebt seine Füße entsprechend.  Er findet sein Tempo im Trab und lässt sich da nicht groß reinreden. Auch im Galopp findet er jetzt – wo ich nicht mehr ängstlich auf der Bremse stehe – seinen Rhythmus. Ich hab da nicht mehr so viel zu melden, aber das finde ich völlig in Ordnung, denn letztlich ist es Duncans Job, seine Hufe zu sortieren und sich seine Kräfte so einzuteilen, dass sie möglichst weit reichen. Und das hat er verstanden. Strecke machen ist unser Ziel. Nicht unbedingt schnell, aber stetig, immer etwas weiter. Auch mal unter widrigen Bedingungen wie einsetzender Dunkelheit.

Und ich bin verdammt stolz auf meinen kleinen Ritter, der mit seinen 5 Jahren – trotz gelegentlichen pubertären Ideen – doch im Wesentlichen mit mir zusammenarbeitet anstatt entweder gegen mich zu sein oder einfach blind dem zu folgen was ich ihm sage. Er kennt seinen Job und er macht ihn für sein Alter schon verdammt gut.

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