Mitte

„Geraderichten“ steht auf der Ausbildungsskala. Ich kann diese Skala ja so gar nicht leiden. Schon allein deswegen, weil sie meiner Meinung nach nur „Nebel in Tüten“ im Angebot hat. „Losgelassenheit“, „Versammlung“, tolle Worte. Und fast so aussagekräftig wie „warm“ oder „lecker“.

„Geraderichten“ finde ich noch dazu ein total blödes Wort. Da denke ich irgendwie daran, wie man uns früher die Gerte quer hinterm Rücken durch die Ellenbogen gefädelt hat, damit wir „gerade“ sitzen. Mein eigener Reitlehrer hat mal gesagt „nimm dir 4 Stifte: rechte Hand, linke Hand, rechter Fuß, linker Fuß, und schreib mit allen 4 Stiften gleich schön, dann bist du geradegerichtet“. Diesen Vergleich mag ich sehr, denn viele Reiterinnen erwarten vom Pferd, es möge bitte gerade sein, während sie mir von ihrem eigenen Beckenschiefstand berichten.

„Geraderichten“ – wenn ich die Ausbildungsskala umschreiben sollte, würde ich da viel eher sowas wie „Balance finden“ hinschreiben.

In letzter Zeit habe ich mit meinen Schülerinnen viel über Balance gesprochen. Dabei habe ich mich an eine Freundin aus Kindertagen erinnert, die ein Einrad besaß. Ich bin ein paar mal auf dem Ding gefahren, aber an der Bordsteinkante war Schluss. Sie hingegen fuhr später damit fröhlich zum durch den Ort zum Klavierunterricht. Balance ist ein weit gefasster Begriff. Wer nicht auf einem Bein stehen kann, hat wohl ziemlich wenig davon. Wer mit dem Einrad übers Stahlseil fährt, hat ziemlich viel davon. Dazwischen gibt es alle Abstufungen. Duncan hat eine gute Balance in vielen Situationen – zum Beispiel beim Anhängerfahren. Im Schritt auf dem Reitplatz wird es inzwischen auch besser, aber da ist noch Spielraum nach oben. Im Trab noch mehr und galoppiert sind wir dort aus gutem Grund noch gar nicht. Balance kann man natürlich nicht getrennt vom Rest üben. Balance halten erfordert Kraft, Koordination und gute Propriozeption (die Wahrnehmung darüber, wie mein Körper sich zum Raum verhält und wie meine Körperteile sich zueinander verhalten).

Balance halten bedeutet, die Mitte immer wieder finden – und zwar schnell, bevor man umfällt. Es bedeutet nicht, dass man immer in dieser Mitte ist. Aber man findet so schnell wieder rein, dass im Endeffekt niemand mehr sieht, wie man sie verliert und wieder sucht, weil es so kleine Bewegungen sind. Und später merkt man vielleicht noch nicht mal selbst, dass man Ausgleichsbewegungen macht, weil der Körper es von allein macht ohne Einmischung des Gehirns (zumindest ohne bewusstes Denken).

Die Mitte und Balance liegt genau zwischen rechts, links, vorne und hinten. Deswegen empfehle ich Schülerinnen, die permanent nach vorn fallen, sich mal so weit nach hinten zu lehnen, dass ich sage „jetzt ist es zu weit“. Von „zu weit vorn“ direkt in die Mitte zu finden ist nämlich nicht möglich, weil der Körper die Mitte als „zu weit hinten“ deklariert. Er muss erst erfahren, wo „zu weit hinten“ ist, bis er die Mitte finden kann.

Für Pferde ist Balance überlebenswichtig. Wer auf der Flucht vorm Raubtier hinfällt, ist tot. Aber auch andere Tiere – wie wir Meschen – werden schnell unsicher, wenn die Balance verloren geht. Je stabiler wir in unserem Körper sind, desto gelassener können wir damit umgehen, wenn es mal holprig wird. Das ist für Reiter eine wichtige Fähigkeit, damit wir nicht, wenn das Pferd einmal einen kleinen Erschrecker-Satz macht, gleich unten sind oder im Zügel hängen. Je besser wir uns ausbalancieren können, desto leichter zu tragen sind wir auch für unser Pferd, weil unser Gewicht dann immer schön in der Nähe des Pferdeschwerpunktes bleibt und nicht wild von rechts nach links oder von vorn nach hinten wackelt.

Aber Balance hat auch eine seelische Dimension: braucht mein Pferd mehr Herausforderung oder mehr Ruhe und Kleinschrittigkeit? Auch da können wir eigentlich nur ausprobieren. Uns mal was trauen, vielleicht mal einen Hauch zu viel machen und dann beobachten wie das Pferd reagiert.

Diesbezüglich habe ich von Finlay etwas gelernt, was Duncan mir ebenfalls zeigt: etwas, was erst mal wie eine Überforderung wirkt, kann im Nachhinein vom Pony doch als schönes Abenteuer interpretiert werden und sie wollen mehr davon. Das sehe ich daran, mit welch leuchtenden Augen und Begeisterung mein Pony ins nächste Abenteuer startet. Umgekehrt, besonders bei traumatisierten Pferden, ist man auch viel schneller über eine Grenze hinweg gegangen als man vielleicht gedacht hätte. Auch das wird das Pferd anzeigen, je nach Typ durch kleine Hinweise oder eine deutliche Ansage. Ich finde die Balance wie beim Reiten, indem ich mal zu weit in die eine und mal zu weit in die andere Richtung gehe, bis ich weiß, wo die Mitte ist.

Eins gilt aber in jedem Falle: Wo im Training die goldene Mitte ist bestimmen nicht wir, sondern unser Pferd. Wenn wir sie dann gefunden haben und mit unserem Training in der Mitte bleiben, ist unser Pferd seelisch „gerade gerichtet“. Und ich persönlich glaube, dass das unabdingbar verbunden ist mit dem körperlichen „geraderichten“. Wer die körperliche Mitte hat, kann die seelische leichter finden und umgekehrt.

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