Neulich war ich mit einer Schülerin und ihren beiden Ponys an einer Rinderkoppel verabredet. Sie möchte dort vorbei reiten können, aber die Rinder finden ihre Ponys sehr interessant und die Ponys finden die Rinder sehr gruselig. Der beste Weg, Ponys an Rinder heran zu führen, ist sicherlich ein Rinderkurs. Aber Vorsicht: schaut Euch die durchführenden Trainer unbedingt an, bevor Ihr mit Pferd teil nehmt, auch dort gibt es schwarze Schafe, die die Pferde total überfordern und dann hat man evt nachher ein größeres Problem als vorher.
Ohne Rinderkurs ist Rindertraining tricky. Man kommt an die Koppel und weiß nicht was einen erwaretet. Während man bei Straßenverkehr durchaus Einfluss nehmen kann durch die Wahl der Straße und der Uhrzeit, hat man bei Rindern gar keinen Einfluss. Liegen sie evt alle im Schatten und schlafen? Dann gibt es nicht viel zu üben. Sind die Kälber gerade übermütig am spielen? Dann könnte es das Pferd total überfordern. An diesem Tag hatten wir aber Glück. Die Rinderherde war gerade am Wasserwagen, weit weg von unserem Treffpunkt, so dass wir die Ponys erst einfach mal schauen ließen, bis der erste Gruselfaktor weg war. Nach und nach gingen wir den Zaun entlang und kamen den Rindern näher. Es waren vielleicht 5 Kühe und 7 oder 8 Bullenkälber. Als wir uns näherten, gingen die Rinder ihrerseits näher an den Zaun. Neugierig, wie Rinder nun mal sind, beobachteten sie uns genau. Wir verbrachten 45 Minuten bei den Rindern und es lief wunderbar. Eins der beiden Ponys wollte nachher gern Freundschaft schließen mit diesen fremdartigen Wesen. Das andere war da noch nicht so sicher, aber wenn einer von zweien die Nerven behält, ist das ja schon mal viel wert. Aber ein Satz, den meine Schülerin sagte, war für mich sehr erhellend. Sie sagte sinngemäß „ja ich weiß, ich müsste das üben. Aber immer wenn ich ausreite, will ich halt einfach nur hier vorbei“.
Vielleicht ist das der Vorteil, wenn man ein junges Pferd hat. Ich wusste von Anfang an: ich muss ALLES üben. So ein Jährling kann ja nix. Das heißt, ich muss jedes Detail, jeden Schritt üben. Führen, anbinden, Hufe geben, später reiten. Und eben alles, was ein Ausreitpferd so können muss: Autos, Brücken, Dörfer und eben auch Rinder. Und so gab es für mich immer schon zwei Arten von Ausflügen: einfach nur Ausreiten (bzw. spazieren gehen) oder üben. und wenn ich einen Übungsausflug mache, dann plane ich wenig km und viel Zeit. Und ich mache es nur wenn alles passt: Wetter, Laune, Begleitung. Ich übe nur dann und nur dort, wo ich mit ziemlicher Sicherheit Erfolg habe, mein Pony also nachher etwas weiß oder kann was es vorher nicht wusste oder konnte.
Einfach nur ausreiten kann zwar auch Übungssituationen beinhalten, aber dann sichere ich mich entsprechend ab. Die ersten Mal an Rindern vorbei hatten wir immer Diego mit und Plan B in der Tasche. Ich wäre niemals eine Strecke gegangen, auf der ich nicht zur Not einfach umdrehen und ohne Rinder wieder zurück gehen kann. Das selbe gilt für die Autobahnbrücke (und da gilt es auch bis heute).
Die Einteilung in reiten oder üben hilft mir ungemein. So oft möchte ich einfach los. Ich möchte mein Pony bewegen und eine gute Zeit haben. Dann suche ich mir eine Strecke auf der das entspannt und gefahrlos geht. Fürs Üben brauche ich bessere Nerven. Aber wenn ich dann weiß: heute ist Üben angesagt und nicht Romantik, dann ist das völlig ok. Dann ist das auch ergebnisoffen. Wenn wir – wie neulich – dann eben nur am Anfang der Autobahnbrücke stehen und nicht da rüber gehen, dann ist das ok. Wenn wir an einer Rinderkoppel stehen und Duncan 30 min nur an der Hand grast und sich dabei davon überzeugt, dass diese „Aliens“ echt nett sind, dann ist das ok.
Wenn wir dann eines Tages so viele Dinge geübt haben, dass wir glauben, nichts mehr üben zu müssen, dann können wir uns ungeplant in fremdes Gelände stürzen und uns einfach überraschen lassen. Aber ganz ehrlich: so viel Lebenserfahrung, innere Ruhe und Vertrauen in den Menschen, das man das machen kann, haben gar nicht so viele Pferde. Nicht umsonst kann man in den entsprechenden Gruppen bei Distanzreitern wieder und wieder den Rat lesen, dass ein gesundes Pferd für einen kleinen Einführungsritt nicht viel körperliches Training braucht, man aber all die anderen Sachen vorher üben sollte: reiten in fremdem Gelände, stehen in einem abgesteckten Paddock, Anhänger fahren etc. Das ist nämlich keine Selbstverständlichkeit und sollte auch nie als solche angesehen werden. Erst neulich habe ich auch gehört, dass diese Fähigkeiten wieder verloren gehen können, wenn ein Pferd längere Zeit diesen Reizen nicht ausgesetzt war. Das ist ja bei uns Menschen nicht anders. Solche Pferde sind quasi das Pendant zur reitenden Wiedereinsteigerin, die zwar als Kind geritten ist, dann aber lange Pause hatte. Manche sind schnell wieder drin, manche brauchen Jahre, um wieder den Mut und die Gelassenheit zu entdecken, die sie brauchen.
Mutige Reiter neigen dazu, mit ihren Pferden weniger zu üben, weil sie die Reaktion ihres Pferdes weniger fürchten. Das kann klappen, muss aber nicht – hängt vom Pferd und ein bisschen vom Glück ab. Mir ist es auf jeden Fall lieber, wenn Menschen zu langsam, zu kleinschrittig üben und dabei etwas Zeit verschwenden, als wenn das Pferd überfordert wird. Andererseits kann ein mutiger Reiter, der auf leichte Angst des Pferdes gut und gelassen reagiert, dem Pferd aktiv Angst nehmen, während ein ängstlicher Reiter (wie ich) manchmal die Angst des Pferdes verstärkt und zusätzlich dummes Zeug macht wie am Zügel zu ziehen bei der kleinsten Reaktion. Das ist ein unangenehmer Reiz fürs Pferd, der dann evt mit der Situation assoziiert wird. Ein Grund für mich, viel mit Futter zu arbeiten, denn das überspielt mein eigenen Unzulänglichkeiten (hoffentlich) sehr gut. Für ängstliche Reiter wie mich ist es wichtig, dass wir selbst die Dinge so dosieren, dass sie machbar sind. Dass wir uns selbst nicht überfordern, nur weil unser Pferd das, was wir da vorhaben, durchaus tun könnte. Wenn eine Reiterin Angst hat, zu galoppieren, obwohl das Pferd völlig sicher und ruhig galoppiert, darf ich mit ihr genauso kleinschrittig und vorsichtig üben wie mit einem Pferd das Angst vor dem Galopp hat (ja das gibt es, vor allem wenn in der Bahn der Galopp mit Gleichgewichtsverlust einher geht).
Wenn man sich fragt, was man mal so üben könnte, kann man auch einfach den Alltag mit dem Pferd beobachten. Viele haben jedes Mal ein kleineres oder größeres Drama in den immer gleichen Situationen. Einsprühen steht da aktuell wieder ganz oben auf der Liste. Wenn es immer wieder mit einem angespannten Pferd endet, das Pferd sich immer wieder wegdreht oder ähnliches finde ich es eine gute Idee sich mal einen Tag auszusuchen an dem man das einfach übt. Ganz in Ruhe, ohne Zeitdruck und ergebnisoffen. Was auch immer dann am Ende dieser Übungseinheit steht ist die Basis für die nächste Übungseinheit. Es lohnt sich, diese Arbeit zu investieren, denn sie macht nachher den Alltag für alle entspannter.
Wenn jetzt wieder heiße Tage kommen, an denen Pferd und Mensch wenig Bewegungsdrang haben, ist vielleicht eine gute Zeit um solche Dinge mal anzugehen. Aufhalftern. Gebiss ins Maul nehmen. Hufe geben. Führen. Stillstehen. Schweif waschen. Es gibt so viel zu üben, die Liste an Alltäglichkeiten ist endlos. Und ein guter Trainer ist sich auch nicht zu schade, Euch bei diesen Kleinigkeiten zu helfen. Damit wir dann später wieder alle ganz entspannt reiten oder spazieren gehen können, ohne was zu üben.