Spaßfaktor

Mein Kundin ist in Urlaub. Ihr Pferd soll aber trotzdem was tun und so tu ich eben was mit ihm. Sie hat mich gebeten, Verladetraining zu machen.

Wir stehen also auf der Wiese am Anhänger, ihr Pferd und ich. Es ist das dritte Mal, dass wir zusammen üben und heute klappt es sehr viel besser als letztes Mal. Ich möchte für meine Kundin gern festhalten, was wir da tun, aber was ich vor allem möchte ist das was ich immer will: Spaß haben.

„Du kannst nicht immer nur Spaß haben“ hat mal eine Frau zu mir gesagt, die ich für eine Freundin hielt (wie man sich täuschen kann….). Wahrscheinlich hat sie technisch gesehen recht (führe an dieser Stelle eine philosophische Diskussion mit einer Person Deiner Wahl), aber gemeint hat sie damit, dass es viel besser, wichtiger und wertvoller ist, wenn man etwas tut, woran man KEINEN Spaß hat. Ist das eigentlich so was typisch deutsches oder ist das überall so? Warum neigen wir so sehr dazu, Dinge, die uns Spaß machen, als „weniger wert“ zu beurteilen? Dabei sind wir doch meistens in eben diesen Dingen ganz besonders gut! Ich jedenfalls will so viel Spaß wie möglich haben. Und während ich mit dem Kundenpferd am Anhänger stehe, möchte ich auch Spaß haben. Also zücke ich das Handy und mache ein Filmchen für die Besitzerin. Ich möchte schauen, ob das Pferd ohne meine direkte Aufforderung schon die Idee hat, einzusteigen. Während ich 10 Minuten im Anhänger stehe und auf das Pferd warte, filme ich uns und mache mir einen Spaß daraus. Ein Arthouse-Film! Die sind ja schon mal etwas langatmiger. Das ist Kunst, keine Unterhaltung. Da entwickelt sich die Handlung seeeeeehr langsam. Oh, der Protagonist zeigt eine überraschende Verhaltensweise! Ob meine Kundin das Video lustig findet? Keine Ahnung. Ich finde es lustig und es macht mich entspannt genug, um nicht ungeduldig zu werden. Und darum gehts. Denn obwohl das Pferd nicht weiß, was ich da sage und dass ich uns filme, merkt es eben doch, dass ich Freude an der Sache habe und nicht ungeduldig an ihm herum zerre, sondern ihm viel Zeit lasse, sich alles in Ruhe zu überlegen. Und somit hat das Pferd auch mehr Spaß an der Sache. Und jetzt soll mir einer erklären, was es dagegen einzuwenden gibt. Ach ja stimmt: Nichts. Außer dass es halt so unseriös ist. Und so wenig anstrengend. Und so verspielt. Und sowas kann ja keine echte Arbeit sein.

Viele Leute sagen, dass sie mit ihren Pferden „arbeiten“. Ich sage das auch. Und dann gibt es die, die das Wort „Arbeit“ nicht mögen und lieber andere Dinge sagen. Wie wir es nennen, ist dem Pferd sicherlich egal. Entscheidend ist, wie wir uns fühlen. Denken wir, wenn es nicht anstrengend, nervtötend, schweißtreibend, kompliziert oder so ist, dann ist es nichts wert? Das Pferd denkt anders. Das Pferd an sich ist Energiesparer. Sonst hätte seine Spezies nicht so viele Millionen von Jahren existieren können. Das Pferd sieht also in der Regel zu, dass es keine Energie verschwendet. Und eigentlich denkt der Mensch doch genauso. Nur, wenn ANDERE arbeiten sollen, dann vergessen wir, wie bequem wir selbst sind. Das Pferd soll bitte perfekt bemuskelt und geradegerichtet sein. Wir selbst hingegen sitzen lieber auf der Couch als Sport zu machen. Warum? Ach ja, weil Sport uns keinen Spaß macht. Weil Sport ja anstrengend ist. Obwohl er ja auch Spaß machen könnte….

Ich persönlich gedenke, weiterhin so viel Spaß zu haben wie es mir irgendwie möglich ist. Ich werde weiterhin versuchen, meinen Schülerinnen und ihren Pferden den Spaß an der gemeinsamen Zeit zu vermitteln. Wozu haben wir die Pferde sonst? Wozu geben wir so viel Geld aus und investieren so viel Zeit und Nerven, wenn nicht, um Spaß zu haben? Nein, natürlich nicht auf Kosten des Pferdes, sondern MIT dem Pferd!

Es gibt immer Dinge, auf die wir keine Lust haben. Ich zum Beispiel kann mich nicht dafür erwärmen, ernsthaft mit meinen Pferden mit Stangen oder Cavalettis zu trainieren. Ich kann es nicht leiden, ewig was auf- und abbauen zu müssen, es nervt mich. Die gute Nachricht ist: niemand zwingt mich dazu.

Ich finde, es gibt Dinge, die sollte ein Pferd können: führen, Hufe geben, in den Anhänger einsteigen. Die gute Nachricht ist: wenn wir so gar keine Lust dazu haben, können wir jemanden beauftragen, diese Dinge mit unserem Pferd zu üben. Ja, wir müssen dann selbst auch noch was tun. Aber wer einfach nicht die Geduld und Nerven oder das Know-How hat, seinem Pferd dieses oder jenes pferdegerecht und freundlich beizubringen der darf diese Aufgabe abgeben und es ist keine Schande. Wenn das Pferd erst mal eine gute Basis hat, ist für den Menschen alles leichter. Beim Anreiten ist das Gang und Gäbe, das man es dem Profi überlässt. Warum nicht bei den anderen Aufgaben, denen wir uns vielleicht nicht ganz gewachsen fühlen? Ein guter Ausbilder wird selbst Spaß daran haben und das ganze spielerisch leicht und schnell erledigen.

Andererseits kann ein guter Ausbilder uns auch unterstützen, während wir es selbst tun. Und dann kann es uns selbst auch Spaß machen, wenn jemand da ist, der hilft und der uns diesen Spaß auch vermitteln kann. Manchmal braucht es einfach ein paar Anläufe, bis Dinge Spaß machen. Wenn wir Angst haben vor dem Galopp wird ein erster Galopp nicht unbedingt emotionale Höhenflüge auslösen. Aber wenn wir uns ran tasten und üben kann es gut sein, dass wir plötzlich entdecken, wie schön ein ruhiger, gleichmäßiger Galopp sein kann.

„Der Spaß kommt bei der Arbeit“ sage ich oft. Jeder von uns kennt das: anfangen kann manchmal eine Hürde darstellen. Wenn es draußen regnet und man eigentlich keine Lust hat, kann es sogar schwer sein, zum Pony zu gehen. Aber wenn man erst mal dort ist und angefangen hat, hat man nachher oft eine erstaunlich gute Zeit.

Spaß hilft aber auch gegen Angst. Nicht umsonst gebe ich den Rindern Namen, wenn wir an ihnen vorbei reiten. Oder ich erzähle Duncan absurde Geschichten über diese „gefährlichen“ Tiere.

Spaß hilft sogar gegen Ärger. Ein Grund weshalb ich so gern mit meiner Freundin ausreite, weil wir uns immer gegenseitig dabei unterstützen, die Dinge nicht zu ernst zu nehmen. Wenn sie wie ein Rohrspatz über ihr tüddeliges Pony schimpft, kann ich einfach nur lachen. Und schon ist ihr Ärger etwas weniger. Wenn ich hingegen wie ein Rohrspatz über Duncan schimpfe, wendet sich das Blatt, sie lacht und mein Ärger verpufft. Und da ein Pferd meistens gar nicht artiger, gelassener, klüger oder sonstwie besser wird, wenn man sich darüber ärgert, kann man ebenso gut Spaß haben, obwohl das eigene Pferd nicht ganz das perfekte Fabel-Einhorn ist, das man sich so wünscht.

Sogar nach Finlays Tod, als ich dachte, ich könnte nie wieder lachen, hat etwas Spaß mir oft geholfen. Und seitdem weiß ich auch: nur weil jemand lacht und Witze macht, heißt das nicht, dass er nicht trauert. Aber auch von der Trauer braucht man mal eine Pause und es kann helfen, mal zu lachen und einen unbeschwerten Moment zu erleben, selbst wenn es mir am Anfang irgendwie falsch vorkam.

Ich war noch nie ein ernster Mensch. Und oft bringen allzu ernste Menschen, die sich allzu wichtig nehmen, mich erst recht zum lachen. Über manchen Bankangestellten oder Anwalt habe ich mich im Nachhinein scheckig gelacht, weil manche dieser Typen mich so sehr an den Geschäftsmann aus dem kleinen Prinzen erinnern.

Vielleicht habe ich manchmal zu viel Spaß. Ich wüsste nur nicht, woran ich das messen und wer das beurteilen sollte. Und so lange das so ist, finde ich es weiterhin sinnvoller, so viel Spaß zu haben wie mir möglich ist, als mich freiwillig darin zu beschränken. Auch beim Üben mit meinen Ponys oder beim Verladetraining mit Kundenpferden. Daher ist auch eins meiner Lieblingszitate von Karen Rohlf „You can get serious results without being so serious.“ (frei übersetzt: Du kannst ernstzunehmende Ergebnisse bekommen ohne allzu ernsthaft zu sein). Ich möchte das gern in jede Reithalle hängen, es würde die Welt für die Pferde verbessern.

Hinterlasse einen Kommentar