Ein besseres Gefühl

Ich stehe vor der Autobahnbrücke, Duncan neben mir. Mir ist schlecht. Die Bilder in meinem Kopf gehen mir durch. All die Techniken die ich gelernt habe, bleiben heute wirkungslos. Zu viel Stress in der letzten Woche und jetzt habe ich keine Kapazitäten mehr frei. Aber nun sind wir hier und ich will diese verdammte Brücke mit meinem Pony üben.

Ich frage mich also: was können wir gut schaffen? Wir stellen uns zusammen an den Rand der Brücke. Ein Auto jagt das nächste. Autos stressen mich sowieso, schon zu Fuß an einer stark oder schnell befahrenen Straße ohne Ponys stresst es mich (ich habe dann keine Angst, aber es regt mich auf). Mein Pony schaut sich das alles an. Ich weiß nicht, wie hoch seine Anspannung wirklich ist, das finde ich schwer einzuschätzen. Ich bin mit atmen beschäftigt. Ich warte, bis mein Stresspegel sinkt, dann drehen wir um und gehen grasen. Ein paar Minuten später wiederholen wir das ganze. Ich denke an Elsa Sinclairs Satz am ersten Tag im ersten Kurs bei dem ich war „Ich belohne ein gutes Gefühl mit einem noch besseren Gefühl“. Das war auf die Pferde bezogen, aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, mit mir selbst so umzugehen wie mit den Pferden. Duncan hat im Moment nicht so ein großes Problem (sagen wir: ich bringe ihn nicht in die Situation, denn ich könnte das heute nicht händeln). Ich kann mich also um mich selbst kümmern. Wenn es mir besser geht, gehe ich zurück, anstatt einen Schritt weiter zu gehen.

Viele meiner Reitschüler haben mich schon darüber reden hören, besonders gern wenn es darum geht, das Aussitzen im Trab zu lernen. Die meisten Reiter versuchen, so lange auszusitzen, bis es nicht mehr geht. Dann traben sie leicht. Das Gehirn geht frustriert aus der Aufgabe und beim nächsten Mal klappt es nicht viel besser. So zieht sich Üben endlos hin. Ich hingegen halte mein Schüler an, so lange auszusitzen, bis es klappt und dann sofort entweder durch zu parieren oder leicht zu traben. So merkt sich das Gehirn das richtige Gefühl und sagt „ok, kann ich“.

Es ist das selbe Prinzip das ich anwende, wenn Duncan und ich allein ausreiten gehen: gerade dann, wenn er fleißig und mutig voran geht und sich entspannt, steige ich ab und lasse ihn grasen.

Wenn Dinge dann besser laufen, kann man natürlich länger dabei bleiben, weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es NOCH BESSER wird. Aber so lange diese Wahrscheinlichkeit klein ist, macht es keinen Sinn, weiter zu machen, denn es wird ziemlich sicher schlechter werden statt besser.

Ja, ich hätte am Sonntag mit Duncan über die Autobahnbrücke gehen können, da bin ich sicher. Wie es ihm damit gegangen wäre, kann ich nicht genau beurteilen, mir wäre es schlecht gegangen. Ich hätte 40 Schritte lang Panik geschoben (ja, ich bin vorab einmal ohne Pony drüber gegangen und habe Schritte gezählt). Dann hätten wir aber noch zurück gemusst und das hätte es in diesem Fall nicht besser gemacht. Stattdessen schreibe ich die Tour auf meine Liste. Ich habe schon heraus gefunden, dass man von dort aus auf verschiedenen Wegen zu uns nach hause reiten kann – auch auf längeren, aber schöneren als der, den wir am Sonntag geritten sind. Und wir können dann gleich immer noch die Rinder mit üben, das trifft sich doch gut. Und danach haben wir genug Zeit, unseren Stress gemeinsam wieder abzubauen durch ausgiebiges Schritt gehen. Gemeinsam Stress erleben und wieder abbauen ist etwas, was Beziehungen total stärkt. Und Duncan kann gleichzeitig lernen, wie ich bin, wenn ich Stress habe und dass trotzdem nichts schlimmes passiert. Ich hoffe, dass er eines Tages zu mir sagt „ich weiß, Du hast Angst, aber es ist wirklich gar nichts los“.

Finlay wusste: je aufgeregter ich bin, desto größer das Abenteuer. Und ich bin überzeugt, dass es freudige Erwartung in ihm ausgelöst hat, wenn ich aufgeregt war. Merlin hat sich auch gefreut wenn ich aufgeregt war, denn dann ging es oft auf einen Kurs und dort war Publikum für ihn und ein Reitlehrer der ihn bewundert. Merlin hat Kurse geliebt (und ich amüsiere mich immer noch darüber, wie oft er mit seinem Charme jemandem aus dem Publikum einen Apfel oder einen Banane aus dem „Fresskorb“ abgeluchst hat).

Noch kann Duncan das nicht wissen, aber er kann schon ganz gut damit umgehen, wenn ich Stress habe. Natürlich wäre es schöner, wenn ich die Nerven hätte, ihm helfen zu können. Ich bin aber leider auch nur ein Mensch – und zwar einer, der sich viele Sorgen ums Pony macht.

Jetzt sehen wir mal, wie es sich weiter entwickelt mit mir und der vermaledeiten Autobahnbrücke. Niemand zwingt mich dazu, dort rüber zu gehen. Wahrscheinlich wird es immer etwas tagesformabhängig bleiben und auch davon abhängen wie viel Verkehr darunter ist. Aber ich möchte mein Pony so sicher kriegen, dass wir – wenn es sich mal einfach nicht vermeiden lässt – auf jeden Fall da rüber kommen.

Immer wieder begegnen mir Reitschülerinnen, die sich für ihre Angst schämen. Ich hingegen schäme mich lediglich dafür, wie ich früher mit den Ängsten anderer Menschen umgegangen bin. Als ich selbst noch jung und (relativ) ungesorgt war und noch der Illusion unterlag, dass Ängste irgendwie rational begründbar sein müssen, bin ich wohl über so manchen Menschen hinweggegangen. Inzwischen habe ich durch Finlays Tod einen ganzen Sack voll neuer, weitgehend irrationaler Ängste, die auch durchaus an verschiedenen Tagen unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Was ich an einem Tag gut meistern kann, löst an einem anderen Tag Panik aus.

Deswegen biete ich all meinen Schülerinnen eine offene Tür an: wenn jetzt gerade, mitten im Unterricht, der Gedanke kommt „jetzt würde ich mich trauen zu galoppieren“, dann sag mir das. Dann galoppieren wir JETZT. Denn in der nächsten Stunde ist es vielleicht wieder nicht möglich. Man muss die Chancen nutzen, die sich einem bieten.

Und ich blicke voller Stolz auf all jene Schülerinnen, die inzwischen ohne Sattel traben oder mit Sattel galoppieren, ausreiten gehen oder was auch immer es war, was ihnen solche Angst gemacht hat. Und ich hoffe, ich kann mich selbst genauso gut unterstützen wie ich es bei diesen Frauen geschafft habe.

Bei den Pferden weiß ich wie es geht und ich weiß auch: das wird schon. Früher oder später, mit mehr oder weniger Arbeit. Und immer entdecke ich noch ein Detail was ich anders machen könnte, wie ich mein Timing verbessern kann oder Zwischenschritte erschaffen.

Duncan konnte neulich im fremden Wald im Trab vorne weg über all die kleinen Flüsse traben (dort sind nicht wirklich Brücken, man hat nur plötzlich ein paar Meter Geländer am Weg und daher weiß man sofort, dass dort Wasser fließt). Seine Ohren wurden spitz und er schaute fokussiert Richtung Boden, aber er hat sein Tempo nicht verändert. Und ich dachte an unsere ersten kleinen Brücken über Wasser und konnte sehen, wie weit wir schon gekommen sind. Auch das gehört für mich zum Ängste überwinden dazu: anstatt auf das zu starren, was man noch nicht kann, immer mal schauen, was man früher alles nicht konnte und jetzt schon geht. Das macht nämlich auch ein besseres Gefühl.

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