Bedenkzeit

Duncan stoppt 3 Meter vor den „reißenen Fluten“. Er ist schon eine längere Strecke mutig voran gegangen durch das fremde Gelände, aber das ist ihm jetzt doch nicht ganz geheuer. Hinter uns stehen zwei erfahrene Pferde – würde einer von den beiden vor gehen, wäre es sicher gar kein Thema, Duncan würde sofort hinterher dackeln. Aber ich finde, mit fast 5 Jahren und über einem Jahr Reit-Erfahrung können wir mal versuchen, das Problem ohne Hilfe zu lösen. Und so ist heute der erste Tag gewesen an dem wir so eine Herausforderung ohne Führpferd und ohne Absteigen gemeistert haben. (Hier bitte einen gedanklichen Tusch abspielen!)

Neulich wurde auf Facebook gefragt, was wohl das wichtigste sei, was man im Zusammensein mit Pferden gelernt hätte. Es hat mich etwas Zeit – Bedenkzeit! – gekostet, bevor ich die Antwort kannte: Zeit lassen.

Zeit lassen wird in meinen Augen oft falsch verstanden. Viele scheinen „Zeit lassen“ gleich zu setzen mit „nichts tun“. So lassen sie ihren Jungpferden ganz viel Zeit – nämlich zum fressen, spielen und schlafen – aber dann, wenn es los geht, dann ist plötzlich Schluss mit Zeit lassen. Dann geht es los.

Duncan gehört einer Pferderasse an, die nicht unbedingt „Fluchttiere“ sind. Ich mag es nicht mehr hören, wie jedes Pferd pauschal als Fluchttier bezeichnet wird. Gerade den Tinkern wird das so oft zum Verhängnis, aber auch die Highlandponys und andere britische Ponyrassen sind da ganz vorn mit vertreten, denn meistens kommt bei ihnen lange vor der Flucht erst mal Erstarrung. Und diese Erstarrung wird ihnen dann als „Sturheit“ oder „Faulheit“ ausgelegt. Erst wenn man sie durch diese Erstarrung durch drückt, löst man die Flucht aus. Und leider kann man in diesem Video von unserer heutigen Heldentat sehen, dass auch mir genau das passiert ist. Als Duncan mit den Vorderhufen im Wasser stand, war in meinem Kopf das Problem gelöst. Er hätte dort aber noch einmal Zeit gebraucht um in Ruhe zu verarbeiten, wo er ist und was er jetzt tun soll und kann. Stattdessen habe ich ihn zu energisch zum Weitergehen aufgefordert und ihn dadurch unnötig beschleunigt. Asche auf mein Haupt!

Duncan bezwingt die reißenden Fluten

Neulich mit dem Regenschirm habe ich es besser hinbekommen. Anstatt – nur weil Duncan nach außen hin nicht auf den Schirm reagiert hat – das Thema bis zum letzten auszureizen und noch mit dem Schirm in der Hand los zu reiten, habe ich den Absprung (im wahrsten Sinne des Wortes) geschafft und lieber zu früh als zu spät aufgehört.

Der Unterschied zwischen den beiden Situationen lag in meiner mentalen Verfassung: einmal war ich frei in meiner Entscheidung, das andere mal habe ich (unnötiger weise) gedacht, meine Mitreiter wollen ja auch weiter. Dadurch habe ich mir nicht genug Zeit genommen, obwohl das natürlich überhaupt kein Thema gewesen wäre. Da hab ich noch was zu üben! Mein Pony hingegen hat das großartig gemacht: hinschauen, auf Aufforderung einen Schritt näher, wieder hinschauen. Nase ins Wasser tunken, überlegen. Wieder einen Schritt vor, wieder überlegen.

Neulich habe ich einen schönen Satz dazu gelesen, der von John Lyons kommen soll „A safe horse ist always quiet, but a qiuet horse isn´t neccessarily safe“ (ein sicheres Pferd ist immer ruhig, aber ein ruhiges Pferd ist nicht notwendigerweise sicher). Und genau das ist der Punkt: nur weil ein Pferd ruhig aussieht, muss es das nicht sein. Auch Profis können übersehen, dass ein Pferd angespannt ist. Bei Diego zum Beispiel ist selbst für uns, die wir ihn seit über 10 Jahren kennen, die Aufregung oft nur an der Äppel-Quote erkennbar. Oder für mich erfühlbar daran, dass er seine Wirbelsäule krumm zieht. Ein Pferd, dass sich langsam bewegt, kann panische Angst haben! Und ich bitte sehr darum, dass man vorsichtiger mit dem Wort „Fluchttier“ umgeht, denn dieses Wort ist es, was immer das Gefühl ihn uns weckt, dass jedes Pferd gleich losrennt, wenn es sich fürchtet.

Wenn ein Pferd also langsam wird oder stehen bleibt, dann dürfen wir erst mal durchatmen und uns darauf besinnen , wie oft wir schon gesagt haben „ich lasse meinem Pferd Zeit“. Das ist dann der Moment in dem sich zeigt, wie ernst es uns damit ist. Ich fange dann manchmal an, Sekunden zu zählen. Wie lang wird uns Menschen so eine halbe oder ganze Minute, wenn wir mal abwarten sollen, während unser Pferd Eindrücke verarbeitet!

Aber noch ein anderer Aspekt von „Zeit lassen“ ist mir heute wieder aufgefallen. Wenn meine Freundin und ich zusammen flotte 11km reiten, dann denke ich manchmal, dass der erste Distanzritt nicht mehr fern ist. Aber heute habe ich wieder gelernt, dass er doch noch recht weit weg ist. Denn auf einem Distanzritt würde sich all das aufsummieren was heute auch zusammen kam – und noch mehr. Mehr fremde Pferde, fremde Leute, fremdes Gelände, unerwartete Hindernisse wie ein Bach, eine Brücke oder ein großer Trecker, eine aufgeregte Reiterin und, und, und. Heute waren wir 6,5 km unterwegs und Duncan war am Ende deutlich kopfmüde. Bis wir 25km schaffen, braucht es noch viel mehr Routine und Erfahrung.

Na klar, wir könnten morgen los ziehen. Ich bin sicher, er würde das gut machen. Ich bin aber auch sicher, dass er überfordert wäre. Und das ist dann der Punkt, an dem viele Schülerinnen zu mir kommen: das Pferd lässt sich nicht mehr verladen. Oder es möchte nicht mehr ins Gelände. Oder oder oder. „dabei ist ihm nie was schlimmes passiert“. Tja, oder eben doch, es hat nur keiner wahr genommen….

So wie damals in der Schule, wenn wir etwas gefragt wurden und da war diese unerträgliche Stille und der erwartungsvolle Blick des Lehrers. Und allein das hat uns so unter Druck gesetzt, dass wir ein Blackout hatten. Stellt Euch vor der Lehrer hätte gesagt „wenn du die Antwort kennst, melde dich, auch wenn es erst in 10 Minuten ist“. Wie viel öfter hätten wir die richtige Antwort geben können?

Wenn Duncan und ich uns jetzt öfter an solche Herausforderungen wagen, will ich noch einen Schritt zurücktreten. Noch mehr warten und meinem Pony noch mehr Zeit geben. Warum auch nicht? Es ist nur unser menschliches Gefühl, das uns einflüstert, dass das schneller gehen muss . Üben kann man das überall: an der Supermarktkasse geht es nicht so schnell wie geplant? Gebt dem Menschen vor Euch Zeit. Auf der Landstraße ist ein Trecker den Ihr nicht überholen könnt? Gebt ihm Zeit. Jemand hat Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden? Gebt ihm Zeit. Wenn wir uns das überall angewöhnen, ist es beim Pferd auch nicht mehr so schwer. Und der wirkliche Zeitverlust findet eh nicht in den genannten Situationen statt, das Gefühl trügt. In der Pferdeausbildung sowieso! Mark Rashid sagt „We usually have two options with horses: we can either give them time to think, or wish we had“ (frei übersetzt: in der Regel haben wir zwei Optionen mit Pferden: wir können ihnen entweder Zeit geben, nachzudenken, oder wir können uns wünschen, wir hätten das getan). Denn in der Regel werden die Dinge nicht besser, wenn wir die Bedenkzeit einfach weglassen. Kurzfristig vielleicht, aber langfristig eigentlich nie. Und wenn Duncan nicht so ein Guter wäre, hätte er sich bei zu viel Druck vielleicht entschieden, einen riesigen Satz über den Bach zu machen. Abgesehen davon, dass das für mich unangenehm gewesen wäre, wäre auch der Lerneffekt ein sehr ungünstiger: „Hauptsache schnell rüber, egal wie“ kann nämlich ganz schnell sehr gefährlich werden für Pferd und Reiter.

Mehr Bedenkzeit macht im Endeffekt weniger Bedenken!

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  1. Avatar von Vorgärtnerin

2 Comments

  1. okay, und jetzt noch mal ohne das Wort, das alles ins Gegenteil zieht:
    „Kurzfristig vielleicht, aber langfristig eigentlich nie.“
    Wie muss es heißen?

    (ich weiß, wie du es meinst, aber dann sag es auch so. Du bist die Achtsamkeitspredigerin und das ist super, deswegen wende das auch in deiner Sprache an. Sei dir noch mehr bewusst, was du sagst.)

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  2. ach, was ich noch fragen wollte – weißt du zufällig, ob die Fjordis eher zu den erstarrenden Pferden gehören oder zu denen, denen Angst Flüüügel verleiht?
    Und was ist mit Isländern?

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