Von allem das Beste

Reitweisen und überhaupt Ausbildungsweisen für Pferde gibt es viele. Was war die Welt zu meiner Anfängerzeit noch überschaubar! Da konnte man Dressur oder Springen reiten (wobei ich keine Springreiter kannte, die nicht auch Dressur geritten sind). Die Exoten ritten Western und die Islandpferdereiter waren eh nur im Gelände unterwegs.

Ja, wahrscheinlich gab es auch damals schon mehr Möglichkeiten, aber das war so das, was in meinem Wahrnehmungskreis war. Dann kam das Internet. Dadurch kommen wir heute auch in Deutschland mehr in Kontakt mit Reitweisen aus anderen Ländern und jeder, der sich berufen fühlt, kann seine eigene Ausbildungsmethode entwickeln und entsprechend vermarkten.

Dennoch sehe ich in meinem Dunstkreis meist die selben Einflüsse: wer „Dressur“ reitet, bezeichnet sich gern als „klassisch“ oder „akademisch“, da ist von „Reitkunst“ die Rede und „alten Meistern“. Mancher reitet auch „vertikal“ und die anderen halten sich an die FN (und bezeichnen das als „klassisch“, schließlich ist der Begriff nicht fest definiert) oder man spricht von „Lérgèreté“. Da gibt es die, die strikt einem Meister (selten einer Meisterin) folgen, die sehe ich aber meistens nicht in meinem Unterricht, da ich ja kein bestimmtes System verfolge. Und dann gibt es die, die „sich von allem das Beste raus suchen“.

Ich hab diesen Satz nun schon so oft gehört und ich kann einfach nicht aufhören, mich darüber zu wundern. Für mich klingt es so, als würde man beim Kochen 3 oder 4 Rezepte nehmen, sich dann „von allem das Beste“ raussuchen und erwarten, dass ein leckeres Gericht dabei heraus kommt. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich meine Erdbeeren nicht so gern mit Käse überbacken esse – aber es gibt ja Leute, die sich Nudeln auf Pizza legen…

Wenn es gut läuft, hat so ein Ausbildungssystem bestimmte Schritte, die aufeinander aufbauen. In einem System lernt das Pferd, dem losen Zügel zu folgen. Im anderen wird mit Zügelkontakt geritten. In einem System geht es zunächst vorwärts-abwärts, im anderen gleich aufwärts. Manche reiten zunächst in flottem Tempo frisch voran, andere beginnen langsam und kleinschrittig mit der Arbeit in der Balance. Das kann man alles gut oder schlecht finden, aber mixen kann man es nicht, denn man kann nunmal nicht gleichzeitig langsam und schnell reiten. Und wie ein Schüler, der ein System natürlich noch gar nicht ganz durchdrungen hat, weiß, was „das Beste“ an einem System ist, erschließt sich mir auch nicht.

Jaja, ich weiß, so ist diese Aussage nicht gemeint. Aber allzu oft habe ich gesehen, dass es genau darin endet: man versucht, in allem die Mitte zu finden und reitet dann so mittelschnell mit mittelhoher Kopfposition und mittlerem Zügelkontakt. Weil man nicht so genau weiß, was man nun eigentlich erreichen möchte, wabert man gemeinsam mit dem Pferd so mittelprächtig durch die Gegend und kommt nicht weiter in der Ausbildung.

Auf der anderen Seite stehen die, die ein System für sich und ihr Pferd gefunden haben und jetzt glauben, zu wissen, was allein seligmachend ist. Und weil das gewählte Konzept für diesen Menschen und dieses Pferd gut passt, muss es schließlich auch für alle anderen passen (Spoiler: nein).

Letztendlich haben die meisten Systeme eines gemeinsam: sie wurden geschaffen, um ein Pferd „tauglich“ zu machen als Reitpferd. Je nach Aufgabenstellung ging es darum, dass ein Pferd lernt z.B., Kühe zu hüten, große Distanzen in möglichst kurzer Zeit zurück zu legen, mit der Kavallerie in den Krieg zu ziehen, den Reiter durch einen Stierkampf zu tragen oder im Kampf „Mann gegen Mann“ aus dem Mann einen Reiter zu machen. Für jeden dieser Einsatzzwecke hat man sich nicht nur die entsprechenden Pferde gezüchtet, sondern sich auch passende Ausbildungssysteme überlegt, die – da die Aufgaben unterschiedlich sind – natürlich unterschiedlich ausfallen.

Erst seit ein paar Jahrzehnten geht es um etwas anderes. Erst seit Reiten zur Freizeitbeschäftigung wurde, geht es uns darum, Pferde gesund zu halten, ihnen Spaß an der Arbeit zu vermitteln, vielleicht ein paar Schleifen zu gewinnen oder gemeinsam Abenteuer zu erleben. Wir wollen einen glücklichen Freizeitpartner, der uns lange erhalten bleibt und viele sind bereit, darin zu investieren. Außerdem wollen wir natürlich Spaß haben bei was auch immer wir mit unseren Pferden tun.

Und hier kommt der Punkt, den ich nicht verstehe: anstatt Systeme zu mixen, die nicht mixbar sind, weil sie sich einfach widersprechen, könnten wir doch schauen, welche Trainings-Elemente dem Pferd helfen können, genau das zu werden: ein glücklicher, motivierter und gesunder Freizeitpartner.

So ist mein Plan mit Duncan: beim reiten auf dem Platz verfolge ich das Ziel der Balance und Versammlung. Wir arbeiten langsam, konzentriert, dafür kurz. Das ist „Pony-Yoga“. Im Gelände geht es dagegen darum, voran zu kommen. Wir arbeiten an der Schubkraft (ich höre wie die Anhänger der Reitkunst Schnappatmung bekommen), daran, wie Duncan effektiv vorwärts kommt. Wir machen Konditionstraining und wir suchen uns immer wieder Herausforderungen in Form von Bergen oder unebenem Boden. Außerdem trainieren wir natürlich den Kopf: Außenreize verarbeiten und über lange Zeit ein gewisses Konzentrationslevel halten. Dabei ist Duncan mit seiner Aufmerksamkeit viel mehr im Außen und ich bin oft nur der Beifahrer, der die Karte liest und alles mit im Blick behält. Die eigentliche Arbeit macht mein Pony.

Um mich gut tragen zu können, braucht Duncan vor allem Rumpfstabilität. Die kann er nicht nur beim Pony-Yoga, sondern wunderbar auch auf der Wippe trainieren, auf der Matratze und beim rauf- und runtersteigen auf den Steg.

Weil ich ihn noch nicht so oft und lang reiten mag, machen wir zusätzlich Longentraining, am Hang oder über Stangen um es etwas spannender und effektiver zu machen. Dabei versuchen wir, ein Tempo und eine „Laufart“ zu finden, die es ihm ermöglicht, auf großen Bögen noch gut klar zu kommen – schneller als in Versammlung, aber langsamer als im Gelände. Weder Duncan noch ich sind große Fans vom Longieren, also kann es sein, dass wir das alles später geritten machen (dann eher im Geländer oder auf dem großen Sommerreitplatz), aber im Moment kann er mich noch nicht so oft so lang tragen, der Körper muss noch viel Zeit zum regenerieren zwischen den Reiteinheiten haben (in dieser Zeit aber natürlich trotzdem anderweitig trainiert werden).

Nachdem ich gesehen habe, wie wunderbar man Pferde auch vor der Kutsche trainieren kann (wenn man denn weiß, was man tut), wird das wohl auch eines Tages dazu gehören als Ergänzung.

Ich nehme mein Kochbuch und koche heute das eine Gericht und morgen das andere, so wird meine Ernährung ausgewogen. Oder ein Menü: Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch. Auch das geht gut. Aber Erdbeeren mit Käse zu überbacken wäre mir zuwider und für jede unserer Aufgaben soll mein Pony wissen, wie die Spielregeln sind. Yoga, Marathon, Geschicklichkeit, Kraft. Soll er zuhören und genau das tun was ich ihm sage? Oder stelle ich nur die Aufgabe und er knobelt selbst aus wie er es am besten hinkriegt? Wollen wir vorankommen oder jeden Fuß einzeln setzen? Wenn er weiß, welches Spiel wir heute spielen, kennt er die entsprechenden Regeln, die hab ich ihm schließlich erklärt. Und natürlich unterscheidet er – anhand von Equipment, Arbeitsort und meinen Anweisungen – ganz leicht, welches Spiel welches ist.

Nur eins ist all diesen Trainingsideen gemeinsam: sie dienen dazu, mein Pony mental und körperlich fit zu machen für unsere gemeinsamen Abenteuer. Vielleicht ist das ja „von allem das Beste“. Allerdings niemals gleichzeitig, sondern nacheinander. Quasi an einem Tag Erdbeeren und am nächsten dann der Käse.

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