Unser Moment

Ich wusste schon länger, dass der Tag bald kommt. Und er kam. Einfach so, als wir an einem Sonntag Anfang März spazieren waren und ich zum Glück den Helm mit hatte (weil ich eigentlich ein Stück auf Diego reiten wollte). Da war es, das Gefühl: heute steige ich auf. Nach ein paar mal hüpfen und quer über ihm liegen klettere ich auf Duncans Rücken (sehr unelegant, wegen der Satteltaschen). Da sitze ich nun, mitten in der Landschaft, Arnulf hält den Ritter am Strick. Und wir sind uns einig, dass Arnulf mich ein Stück führt. Duncan geht sehr flott los, er ist wohl doch einen Hauch aufgeregt. Ungefähr 200m später hält Arnulf ihn an (auf mein Hooooo reagiert Duncan nicht) und ich steige ab. Wir gehen weiter, Duncan ist sehr, sehr flott, es dauert eine ganze Weile bis das Tempo wieder passt. Dann, ungefähr 20 Minuten später, wiederholen wir das ganze. Diesmal ist Duncan ruhiger unterwegs und reagiert sogar ein bisschen auf mein „laaaaangsam“. Ich bin glücklich, es war genau so schön wie ich es mir vorgestellt hatte. Duncan wirkt auch glücklich und sehr zufrieden mit dieser neuen Version von Abenteuer.

Eine Woche später sind wir wieder zusammen unterwegs und ich möchte wieder reiten. Wir versuchen, dass Arnulf Duncan als Handpferd nimmt, während ich mich tragen lasse, aber das funktioniert nicht gut – das Tempo passt nicht und alle haben zu wenig Übung in der Handpferd-Nummer. Duncan trägt es mit Fassung, aber schön und sinnvoll ist anders. Ich steige ab und laufe ein Stück. Dann steige ich wieder auf und es ist genau so wie damals, als wir mit Finlay zum ersten Mal so draußen unterwegs waren: ich sage zu Arnulf „gib mir einfach den Strick“ und schwuppdiwupp reite ich plötzlich frei durchs Gelände. Ich hab mir das ja gut überlegt, die Strecke ist weise gewählt. Es gibt dort kaum Gras am Wegesrand, das erspart mir eine Diskussion. Und der Weg ist so weit einsehbar, dass ich jeden Radfahrer, Reiter oder Hund früh genug sehe um absteigen zu können. Duncan ist sehr aufmerksam und bemüht, gar nicht mehr flott sondern eher langsam unterwegs und so reiten wir ein paar Minuten, ca 500 Meter bevor ich selig absteige und den Rest der Strecke laufe.

Das erste Mal frei reiten. Ein ganz besonderer Moment nach gemeinsamen 2,5 Jahren!

Den Rest der Woche schwebe ich glücklich durch die Gegend. Ich teile mein erstes Reitvideo mit ein paar Leuten von denen ich weiß, dass sie sich mit mir freuen. Auf social media teile ich es nicht und werde das auch vorerst nicht tun. Denn einige werden Schnappatmung bekommen wenn sie hören, dass ich mein Pferd mit 3,5 Jahren anreite. Viel zu früh, vor allem wo Highlandponys doch solche Spätentwickler sind!

Wenn ich eins in dieser Pandemie gelernt habe, dann, wie stark wissenschaftliche Erkenntnisse in der Öffentlichkeit verzerrt, falsch verstanden und nur in Ausschnitten zitiert werden.

Wie Ihr sicher schon mitbekommen habt, wenn Ihr meinen Blog regelmäßig lest, denke ich viel nach über das was ich tue. Ich mache nicht einfach irgendetwas, weil ich es schon immer so gemacht habe oder weil alle es so machen. Und so hat es seinen Grund, dass und wie ich jetzt anfange, Duncan zu reiten. Es gibt nämlich durchaus Studien zu dem Thema und die weisen auf ein paar entscheidende Punkte hin. Zu meiner Überraschung schadet es Pferden nicht, wenn man sie etwas früher anreitet, sie profitieren sogar davon. Allerdings gibt es ein paar Voraussetzungen, die dafür erfüllt werden müssen. Vor allem müssen sie viel freie Bewegung haben, also im Offenstall leben oder auf der Weide. Und sie brauchen Regenerationszeiten zwischen den Reiteinheiten, mindestens 48 Stunden. Außerdem ist langsames Anreiten (wenig überraschend) schonender als schnelles. Frau Prof. Uta König von Borstel hat zu diesem Thema geforscht und mehrere Studien zusammengefasst. Ich habe nicht nur diesen Artikel über ihre Arbeit gelesen, sondern sie auch per mail kontaktiert und eine sehr freundliche, ausführliche Antwort auf meine Fragen bekommen.

Und so entstand mein Plan. Manche Strukturen (vor allem Sehnen und Bänder) brauchen lange, um sich an neue Belastungen anzupassen, viel länger als Muskulatur, die gerade bei jungen Pferden sehr schnell aufgebaut werden kann. Da sich ohne den entsprechenden Reiz aber keine Struktur angemessen entwickeln kann, heißt das eben nicht, mit dem reiten zu warten, sondern ganz sachte anzufangen und nach und nach zu steigern. „Tragen lernt man nur durch tragen“ hat eine Ausbilderin mal gesagt (leider weiß ich nicht mehr wer das war) und der Satz ist mir im Kopf geblieben. Wie gut meine Bodenarbeit auch sein mag: wenn das Gewicht nicht dabei ist, bleibt das Ergebnis im Hinblick auf die Tragfähigkeit begrenzt.

Duncan darf mich jetzt also immer mal ein kleines Stück tragen – vorerst nur einmal in der Woche, später zwei mal. Bisschen reiten, lange laufen, nach und nach das Verhältnis verschieben. Gut überlegen, wo und wann ich reite: viel bergauf (was man hier im Norden halt so bergauf nennt), bergab nur sachte und kurz aber schon mal um die Koordination und Balance zu üben. Nach und nach auf unebeneren Böden. Sobald ich mich traue möchte ich anfangen, einige Meter zu traben, denn erfahrungsgemäß neigen Pferde dazu im Schritt „durchzuhängen“ wenn man einfach nur geradeaus reitet. Aber natürlich muss ich auch für den Trab einplanen, dass die Sehnen sich anpassen können müssen, also entsprechend kurze Reprisen wählen. Gegen das durchhängen würde auch ein kleines Schulterherein helfen, aber wann wir das umgesetzt kriegen weiß ich nicht, da ich vorerst nicht auf dem Platz reiten werde. Ob wir beide in der Lage sind im Gelände Schulterherein zu üben, werden wir sehen. Vielleicht klappt es ja, aber noch sind wir ein gutes Stück davon entfernt. Lenken und bremsen klappt hingegen schon fein, wenn man bedenkt dass ich jetzt insgesamt ungefähr 25 Minuten frei geritten bin. Zum Glück sind durch das Fahren vom Boden die Stimmkommandos für losgehen und anhalten so in Duncans Verhalten einzementiert, dass ich ihn darüber hervorragend steuern kann. Und so tasten wir uns jetzt voran in einem langsamen, stetigen Prozess unter dem wachsamen Auge unseres „Haus- und Hof-Osteopathen“.

Da ich mich dann immer mal ein paar Minuten von der elendigen Lauferei erholen kann, werden wir parallel dazu die Streckenlängen erhöhen können, so dass Kraft und Kondition weiter wachsen können.

Duncan findet es offensichtlich toll, wenn ich reite. Ich habe es schon bei einigen Jungpferden erlebt, dass sie stolz sind und sich gut fühlen, wenn sie endlich auch einen Menschen tragen dürfen. So auch bei meinem Ritter. Und so genießen wir unsere Reit-Meter gemeinsam und ich habe Hoffnung dass der Sommer sehr, sehr gut wird für uns.

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